Biodiversität, klimafitte Wälder, Umweltschutz, Artenvielfalt und Artensterben – diese und viele weitere Schlagwörter findet man aktuell überdurchschnittlich oft in den großen Tagesmedien und auf sozialen Netzwerken. Was seit einigen Jahren auf nationaler und internationaler Ebene verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt wurde, ist für Jägerinnen und Jäger bekanntes Terrain. Dieser Beitrag beleuchtet den Begriff Biodiversität so, wie Jägerinnen und Jäger ihn verstehen.

BIODIVERSITÄT IM FOKUS

Jägerinnen und Jäger bekommen bereits in den Monaten der Prüfungsvorbereitung zur Jagdprüfung die Wichtigkeit eines funktionierenden Ökosystems im Rahmen der Revierbetreuung eingebläut. Sie wissen, was die Anpflanzung einer Streuobstwiese oder eines kleinen Heckenbiotops für das Revier und die Wildtiere darin bedeutet. Jäger können die sprichwörtlichen Früchte der Arbeit im Revier wachsen sehen und erkennen am Verhalten der Wildtiere, ob der gewünschte Erfolg erreicht wurde. Natur, so wie Jägerinnen und Jäger sie verstehen ist ein

Kreislauf aus Geben und Nehmen, Hegen und Pflegen, aber auch Schützen durch Nützen.

Und es ist gut, dass sich nun mehr Menschen intensiver mit der Natur und den Bedürfnissen der Wildtiere beschäftigen. Mit dieser erhöhten Aufmerksamkeit auf die Natur und insbesondere auf die Artenvielfalt, wurde der Jagd eine große Chance gegeben, den Nutzen der Jagd zur Erhaltung der heimischen Artenvielfalt in die Auslage zu stellen.

Die Jagd
und ihr Image

Oftmals stoßen die Bemühungen von Jägerinnen und Jägern jedoch sprichwörtlich auf taube Ohren, denn die Jagdausübung hat vom einstigen, angesehenen Image stark eingebüßt. Es ist vor allem die Glaubwürdigkeit, die in den vergangenen Jahrzehnten gelitten hat und dies war auch nicht nur dem Motto vieler Medien „only bad news is good news“ geschuldet. Wie auch in anderen Gemeinschaften, gibt es auch unter den Jägerinnen und Jägern schwarze Schafe, die mit ihrem Verhalten dem Image der gesamten Jägerschaft schaden.

Das fängt beim „Klassiker“ – dem Streit mit anderen Naturnutzern – an.

Oft war ich selbst schon kurz vor einer solchen Situation: Es ist Hochsommer, der Abschussplan ist noch lange nicht erfüllt und die Strafe für die Nichterfüllung schwebt wie ein Damoklesschwert über mir. Eigentlich möchte ich nach dem stressigen Arbeitstag nur noch etwas am Hochsitz entspannen und in Ruhe die Natur beobachten. Ich sitze in meiner Lieblingsecke im Revier, wo ich im Jahr zuvor mit meinen Freunden einige Wildsträucher angepflanzt habe, da kommt mit Glück DER Bock oder genau DAS passende Reh und ich möchte mich schon zum Schuss fertig machen…

Zack die Bühne leert sich und ein Spaziergänger mit freilaufendem Hund erscheint. Einen Blick aufs Handy und zwei bis drei ärgerliche Gedanken später, die Uhr zeigt 20:41 und ich bin versucht dem Herrn etwas über das umsichtige und korrekte Verhalten in der Natur zu erzählen. Aber als ich sehe, dass der Pudel angeleint, und der Weg nicht verlassen wird – verfliegt meine schlechte Laune über die verpatzte Chance mit dem Wind und als er am Hochsitz vorbei geht und hochschaut, winke ich Ihm „schönen Abend“, wir plaudern kurz über den herrlichen Sommerabend und jeder geht seiner Wege.

„Jäger winkt Spaziergänger einen schönen Abend“

ist aber keine Schlagzeile und hat auch keinen Nachrichtenwert, also lesen weder der Pudelbesitzer noch ich am nächsten Tag etwas davon in der Zeitung. Dafür springt mir allerdings eine andere Story ins Gesicht:

„Ein Greifvogel wurde tot aufgefunden“

und schnell wird einer der örtlichen Jäger verdächtigt. Da ich diverse Medien in meinen sozialen Netzwerken abonniert habe, bekomme ich auch dort allerhand Kommentare und Schlagzeilen über den Vorfall zu lesen. Ich ärgere mich, denn es tobt ein Sturm der Entrüstung über Jägerinnen und Jäger hinweg und diffamiert mit pauschalen Unterstellungen „die“ Jägerinnen und Jäger.

„Die Jagd sei im Allgemeinen schädlich für die Natur und eigentlich bräuchte es die Jagd nicht, damit die Natur und Wildarten in ein Gleichgewicht kommen“, tönt es in den Kommentaren. Die Debatten in den Kommentarspalten sind emotional aufgeladen und Quellenangaben oder sachliche Beiträge leider Mangelware.

Dabei sprechen gerade die Daten und Fakten eine andere Sprache

und stellen der Jagd ein gutes Zeugnis aus. Dazu aber später mehr. Fakt ist, dass viele aufgelegte Elfmeter nicht verwandelt wurden und einzelne Negativbeispiele die gute Arbeit für die Artenvielfalt medial überschatten und so das Image der Jagd verzerren. Die Jagd hat das Feld der Öffentlichkeitsarbeit viele Jahre lang nicht betreten und eher im Stillen gearbeitet. Die Arbeit für die Arterhaltung, für die Artenvielfalt und für den Umweltschutz wurde nicht gut genug dokumentiert und ebenfalls nicht groß genug adressiert.

Biodiversitätsmanifest

Auf europäischer Ebene

werden gerade jetzt Projekte zur Förderung der Biodiversität durch die Jägerschaft gesammelt. Anlass ist die jüngste Forderung der EU-Kommission, zehn Prozent der Landesfläche von jeglicher Bewirtschaftung durch den Menschen auszuschließen. Durch die Schaffung solcher Flächen, verspricht sich die Kommission eine Stärkung der Artenvielfalt. Diese Überlegung der Kommission ist nicht zuletzt das Resultat mangelnder Glaubwürdigkeit in die Leistungen der Jagd zum Erhalt sensibler Tierarten.

Die FACE, die Interessensvertretung der europäischen Jagdverbände, veröffentlicht jährlich das Biodiversitätsmanifest – eine Sammlung aller Maßnahmen zur Lebensraumverbesserung, die von Jägerinnen und Jägern forciert und mitgetragen wurden. Ziel des Manifestes ist es, die Leistungen der Jagd für die gesamte Gesellschaft sichtbar und stärker spürbar zu machen – eine Maßnahme, die der eigenen Zurückhaltung in der Vergangenheit geschuldet ist.

Wäre die Jagd bereits in der Vergangenheit proaktiver und in vergleichbarer Intensität wie andere Organisationen aufgetreten und hätte die eigenen Ökosystemleistungen offensiver präsentiert und dokumentiert, wäre die Ausgangslage heute weitaus positiver als es nun Status quo ist. Unter http://www.biodiversitymanifesto.com/ entsteht eine Landkarte, die die Anzahl der Projekte abbildet:

Zum Biodiversitätsmanifest

Gutes Zeugnis
für die Jagd

Das von Jagdgegnern oft ins Feld geführte Argument, dass die Jagd einen negativen Einfluss auf die Natur hätte, wurde nun auch von der EU aufgegriffen und entkräftet. Anfang des Jahres wurde der EU State of Nature Report von der Europäischen Umweltagentur ausgegeben. Die Zahlen & Fakten stellen der Jagd ein gutes Zeugnis aus:

  • Nur 0,66 Prozent am Gesamtanteil der negativen Umwelteinflüsse gehen auf Fehler in der Jagdausübung zurück.
  • Der Löwenanteil geht auf intensive Landwirtschaft (21,4 Prozent) und
  • Entwicklung wie Straßenbau, Bodenversiegelung, etc. (12,9 Prozent) zurück.

Eine exakte Darstellung hat die FACE auf ihren Kanälen, u.a. www.face.eu,veröffentlicht.

Die Landwirtschaft als primäre gestaltende Kraft auf der Fläche, kann zur Biodiversität noch viel beitragen, aber der Druck auf Landwirte ist groß, denn die globalvernetzte Welt ermöglicht es, immer mehr Ware zu immer günstigeren Preisen in die Supermärkte der Industrienationen zu bringen. Lokale Bauern haben da oft das Nachsehen oder müssen sich dem Wettbewerb anpassen. Wenn man um das wirtschaftliche Überleben kämpft, wie soll man dann noch Kraft, Nerven und Zeit aufbringen können, um Flächen sehenden Auges ungenutzt verwildern zu lassen?

Dabei haben die primären Landbewirtschafter den Schlüssel zu einer erfolgreichen Förderung der Biodiversität in der Hand.

Hier müssen allerdings Anreize geschaffen werden, ohne dabei die Wirtschaftlichkeit zu beschneiden. Unterm Strich muss es sich für Landwirte lohnen, biodiversitätsfördernde Maßnahmen umzusetzen. Daher fordert die Jagd als Stimme der Wildtiere in dieser Diskussion eine Umstellung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) mit Förderungen für Biodiversitätsleistungen. Hierbei ist eine breite Allianz der primären Landnutzer sinnvoll und auch notwendig, um gerade die Politik auf EU-Ebene zum Handeln zu bewegen.

Unter den EU-Mitgliedsstaaten gilt Österreich noch als Vorzeigeland hinsichtlich des Artenreichtums, jedoch leiden auch hier die Niederwildbesätze zunehmend unter dem Verlust der Lebensräume und einer intensiveren Nutzung durch gesteigerte Freizeitaktivitäten.

Lebensraumverlust
in Zahlen

In Österreich liegt die Flächeninanspruchnahme im Durchschnitt der letzten drei Jahre bei rund 11 Hektar am Tag.
Knapp 5 Hektar davon allein durch neue Bodenversiegelung. Im Jahr entspricht dies rund 4.000 Hektar – also in etwa der Fläche von Eisenstadt.

Zugleich schwindet Wildlebensraum durch das Wachstum eines anderen wichtigen Lebensraumes:

Österreichs Wälder wachsen jedes Jahr um rund 3.400 Hektar.

Was auf den ersten Blick ein Grund zur Freude ist, wird für manche Wildarten und mehr und mehr zur Zwickmühle. Rebhuhn, Fasan, Feldhase, Reh sowie zahlreiche Sing- und auch Greifvögel sind auf abwechslungsreiche Lebensräume mit Feldanteil stark angewiesen. Schrumpfen Wildwiesen, Heckenstreifen und Streuobstwiesen, dann schrumpfen damit auch die angestammten Lebensräume dieser Tierarten.

Natürlich können sich viele Wildtiere anpassen und auch mit veränderten Umweltbedingungen leben, allerdings nicht dauerhaft und oft auch nicht konfliktfrei. So macht es einen großen Unterschied, ob Pflanzenfresser wie Reh, Hirsch und Co. ihren Appetit auf Wiesen und Feldern stillen können, oder vermehrt Zweige und Triebe junger Bäume in einem Wirtschaftswald verbeißen.

Die erhöhte Präsenz
des Menschen

Hinzu kommt, dass viele Menschen die Natur vermehrt zu Erholungszwecken nutzen, aber wenig zum korrekten Verhalten in einem lebenden und dynamischen Ökosystem wissen. Die erhöhte Präsenz des Menschen wirkt sich unmittelbar auf das Verhalten der Wildtiere aus: Der erhöhte Stress und zahlreiche Fluchtmanöver kosten Reh, Hirsch und Co. mehr Energie. Energie, die sie sich durch vermehrte Nahrungsaufnahme wieder von den Pflanzen in ihrer Umgebung holen müssen. Viele Wildarten werden auch scheuer und ziehen sich in Gebiete ohne Störungen zurück oder verlassen nur mehr nachts ihre Verstecke.

Oft fängt das menschliche Fehlverhalten mit der Gesprächslautstärke an, geht über das Verlassen der Wege und das Querfeldeinwandern weiter, und gipfelt in der Entsorgung von Müll. Vielen Naturnutzern ist schlicht unklar, dass beispielsweise:

im Durchschnitt zehn bis 15 Jahren bis zur völligen Zersetzung im „Wohnzimmer“ der Wildtiere verbleibt.

sich erst nach 100 bis 200 Jahren zersetzt.

sogar bis zu 500 Jahre in der Natur verbleibt und in dieser Zeit durch die scharfen Kanten zur Gefahr für Wildtiere werden kann.

Sie sehen liebe Leserinnen und Leser, das Thema der Biodiversität & Artenvielfalt beschäftigt Jägerinnen und Jäger bereits bevor es „cool“ war darüber zu reden.

Um die Ökosystemleistungen der Jägerinnen und Jäger auch auf den sozialen Netzwerken vor den Vorhang zu holen, haben JAGD ÖSTERREICH und die neun Landesjagdverbände mit „Wir lieben Natur“ ein gemeinsames Zeichen gesetzt:

Die Kampagne soll besonders Jägerinnen und Jäger ermuntern, Leistungen wie die Anlage von Hecken, Wildäckern und Streuobstwiesen per Fotos und Videos zu dokumentieren und auf Facebook, Instagram und weiteren sozialen Netzwerken zu verbreiten. Ziel ist es auch, der Gesellschaft zu zeigen, dass Jagd bei weitem eben nicht nur Abschuss bedeutet, sondern sehr viel mehr dahintersteckt.

#wirliebennatur

Autor:

Lutz Molter

Lutz Molter ist seit 2018 verantwortlich für die jagdfakten.at Redaktion. Er ist selbst Jäger und setzt sich aktiv dafür ein, Vorurteilen, Mythen und Falschinformationen rund um die Jagd in Österreich faktenbasiert zu begegnen.