Natürlich nicht! Ist der Wald kein Freizeitpark.

In erster Linie ist der Wald ein wichtiges Ökosystem und Lebensraum für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Der Wald erfüllt aber auch zahlreiche wichtige Funktionen für die Welt. Nicht umsonst wird z.B. der Regenwald in Brasilien auch „grüne Lunge der Erde“ genannt.

Wälder sind für uns Menschen unverzichtbar, denn sie dienen als natürlicher Luftfilter, sind Rohstofflieferant für Dinge des täglichen Lebens und haben gerade im Gebirge eine Schutzfunktion vor Lawinen und Muren. Insgesamt werden im Österreichischen Forstgesetz vier Hauptfunktionen des Waldes unterschieden: Schutzfunktion, Nutzfunktion, Erholungsfunktion und Wohlfahrtsfunktion.

DER WALD IST

KEIN FREIZEITPARK

Besonders die Erholungsfunktion ist in den vergangenen Monaten, bedingt durch die Coronapandemie, wieder in den Fokus vieler Menschen gerückt. So vermeldete der Österreichische Alpenverein bereits im Dezember via Presseaussendung einen außergewöhnlich hohen Andrang am Berg. Das erhöhte Interesse an der Natur wird grundsätzlich von vielen Verbänden und Institutionen gerne gesehen, aber die zahlreichen Aktivitäten in der Natur hinterlassen auch Spuren und bedeuten besonders für Wildtiere in vielen Fälle eine Verschlechterung der Lebensbedingungen.

Die starken Schneefälle und niedrigen Temperaturen haben laut Jägerschaft die Notzeit der Wildtiere deutlich verschärft. Ruhe ist nun überlebenswichtig für Reh, Hirsch und Co. Die Landesjagdverbände und auch die Dachorganisation der österreichischen Jägerschaft JAGD ÖSTERREICH machen auf die Situation der Wildtiere aufmerksam. Der Dachverband appellierte in einer Presseaussendung vom 22. Jänner 2021 an alle Naturnutzer:

Richtiges Verhalten im Winter im Wald:

1. HALTEN SIE DIE FESTEN WEGE EIN.

2. RESPEKTIEREN SIE DIE WILDRUHEZONEN.

Die Jägerschaft zeigt sich besorgt, denn für viele Wildtiere ist die Situation dramatisch. Gerade bei Störungen durch den Menschen wirken sich die natürlichen Überlebensinstinkte kritisch aus, denn Wildtiere sind im Winter im Energiespar- und Ruhemodus.

Warum ist die Ruhe im Winter für Wildtiere so wichtig?

Wildtiere schränken im Winter ihre Aktivitäten ein und drosseln ihren Herzschlag – sie schalten quasi den Ruhemodus ein. Bei plötzlichen Fluchtmanövern, wie etwa der Flucht vor Menschen oder freilaufenden Hunden, müssen die Tiere ohne Aufwärmung und mit hohem Energieeinsatz schnell in Bewegung kommen. Dies kann unter Umständen den unweigerlichen Tod des Wildtieres zur Folge haben, da nun in Sekundenbruchteilen kaltes Blut aus den Beinen in die inneren Organe gelangt und ein Kälteschock eintritt.

Wissenschaftliche Studien des Forschungsinstitutes für Wildtierkunde und Ökologie an der veterinärmedizinischen Universität Wien untermauern diese Argumentation. So wurde etwa bei Steinböcken nachgewiesen, dass die Herzschlagrate im Winter um rund 60 Prozent reduziert ist. Über Nacht kühlen die Tiere regelrecht aus und sind dann auf die warmen Sonnenstrahlen angewiesen, um genug Wärme und Energie zur Nahrungssuche zu haben, sodass die Tiere erst gegen Mittag wirklich aufgewärmt sind und aktiv werden.

MEHR WISSEN  ZUR NATUR
muss vermittelt werden

Über diese und weitere Themen debattierte am Montag auch eine Expertenrunde an der Universität für Bodenkultur Wien. Bundesministerin Elisabeth Köstinger hob in der Diskussion, um die Nutzung der Natur, die Plattform „Respektiere deine Grenzen“ hervor, die sich, ähnliche wie die Landesjagdverbände, für eine Aufklärung mit Hilfe eines Dialoges im Sinne der Wildtiere engagiert. Die Initiative tritt beispielsweise stark in Salzburg in Erscheinung und erarbeitet gemeinsam mit dem Land wirksame Kampagnen zum Schutz wichtiger Wildruhezonen.

Auch Oberösterreichs Landesjägermeister Herbert Sieghartsleitner nahm via Konferenzschaltung an der Diskussion teil und brach eine Lanze für den Dialog unter allen Naturnutzern. Als notwendig erachtet er eine wildökologische Raumplanung. Dabei sollen mit Hilfe einer Kartierung die Lebensräume der Wildtiere und die Nutzungsansprüche der verschiedenen Interessensgruppen übereinandergelegt werden um sie besser abstimmen zu können. Der oberste Jäger Oberösterreichs wünscht sich zum besseren Verständnis der Bedürfnisse der Wildtiere die starke Einbindung der Landesjagdverbände als Stimme der Wildtiere und plädiert für mehr Wissensvermittlung.

Das es durch die erhöhte Naturnutzung gewaltig im Blätterdach des Waldes knarrt, sagt Univ. Prof. Dr. Ulrike Pröbstl-Haider vom Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung der BOKU Wien. Sie hat in Untersuchungen festgestellt, dass immer mehr Kinder im urbanen Raum zu wenig Kenntnisse von der Natur haben und der Unterricht in diesen Fächer auch zu spät stattfindet. Auch wertvolle Biotope, die nicht für Erholungszwecke des Menschen geeignet sind, werden beansprucht. So wurden mehrere Skitourenwanderer in einer Vorortbefragung mit Trackern ausgestattet und anschließend an die Tour nach der Route befragt. „Manchmal waren die Abweichungen so groß, dass wir wissen, dass sie uns einfach nicht sagen wollten, wo sie hingefahren sind. Auch Biotope, in dem Fall Birkwildlebensräume befahren haben, die sie nicht hätten befahren sollen“.

Einig waren sich alle Gesprächsteilnehmerinnen, dass mehr Wissen zur Natur vermittelt werden muss. Denn, der Wald ist kein Freizeitpark.

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Bildquelle für diesen Beitrag: Pixabay und Jagdfakten.at/L. Molter

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