20. Dezember 2017

Niederwild: Auf der Suche nach dem verlorenen Schatz

Wo ist das Niederwild geblieben? Selbst die ehemals guten Reviere in Niederösterreich, wie im Pulkautal oder der Laaer Bucht, klagen über geringe Wildstände. Das Extremklima 2017 hat offenbar nicht nur in der Landwirtschaft zu Missernten geführt, sondern auch dem Wild zugesetzt. Weite Teile des Weinviertels sind praktisch ohne Niederwild. In den Wirtshäusern und Weinkellern herrscht Endzeitstimmung. In der folgenden Analyse soll Jägern, Landwirten und Naturliebhabern das Bewusstsein geschärft und Mut zugesprochen werden, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen und konsequent umzusetzen, anstatt zu resignieren.

Niederwild – Was brauchen Fasan, Hase, Ente und Rebhuhn?
Erstens einen geeigneten Lebensraum, weiters eine ausreichende, ganzjährige Fütterung, eine entsprechende Lebensraumbetreuung, auch Raubwildkontrolle, sowie die nötige Ruhe im Revier. Beim Hasen kommt noch besonders erschwerend die Anfälligkeit für diverse Krankheiten hinzu, was zu dem berüchtigten „Hasensterben“ führen kann. Neuerdings ist die Tiergesundheit auch beim Wasserwild ein Thema. Die Entenbestände sind signifikant zurückgegangen, Ursache ungeklärt. Zu guter Letzt das Rebhuhn – es ist ein ganz seltener Anblick geworden, gleichzeitig aber ein sehr guter Zeiger für Lebensräume; wahrscheinlich wird es ohne gezielte Auswilderungen vielerorts nicht mehr gehen.

Lebensraum und Lebensraumbetreuung
In der Gutsverwaltung Hardegg haben unter wissenschaftlicher Betreuung durch den renommierten britischen Game&Wildlife Conservation Trust (GWCT) mehrere Studien zum Wildfasan stattgefunden. Bei der ersten Versuchsreihe ging es darum, die Überlebensraten der besenderten wilden Fasanhennen festzustellen (Bild 1 und 2). Während in einem gut geführten Revier mit guten Wintereinständen und reichlicher Fütterung die Winterverluste mit deutlich unter 10 % gering gehalten werden können, sind die Verluste zur Brut- und Nistzeit signifikant höher und schwanken zwischen 20 und 40 %. Offenbar ist die Henne beim Nisten und Brüten sehr verwundbar und für Fuchs und spezialisierte Raubvögel wie die Weihe eine leichte Beute. Dabei gilt die einfache Faustregel, dass „aus Sicht des Fuchses die Henne nur eines von vielen Beutetieren ist, für die Henne der Fuchs im Frühjahr aber zur Überlebensfrage wird“. Eine Fuchsfähe kann im April ganz leicht die zukünftige Strecke eines ganzen Jagdtages erledigen.

Einer guten und intensiven Lebensraumbetreuung mit dem Fokus auf Raubwildkontrolle kommt daher eine besondere Bedeutung zu. In der Gutsverwaltung ist ganzjährig ein Berufsjäger tätig, welcher von einem zweiten Berufsjäger samt Gehilfen unterstützt wird.

Für die Erhaltung eines hochwertigen Lebensraumes ist ganz wichtig, dass die Landschaft vielfältig bleibt, also nicht ausgeräumt wird. Leider ist vielerorts zu beobachten, dass viele Gemeinden und Genossenschaften die Natur nach wie vor mit Füßen treten und erbarmungslos Gräben, Böschungen und Windschutzstreifen ausschlägern und abholzen. Die Folge ist eine monotone, ausgeräumte und „saubere“ Landschaft, dem Niederwild werden damit die letzten Rückzugsräume genommen. Hier gilt es radikal umzudenken und Leitbilder für Gräben und Flüsse sowie Hecken und Windschutzstreifen zu entwickeln, welche auch ökologischen Anforderungen Genüge leisten.

In der Gutsverwaltung Hardegg werden jährlich tausende Bäume und Sträucher gepflanzt sowie Windschutzstreifen und Remisen solcherart gepflegt, dass der Unterwuchs wieder stärker aufkommt. Gräben und Bachdämme werden nicht ausgeschlägert und ausgeholzt, sondern es wird gezielt ein Bewuchs gefördert, der auch das Wasser beschattet und eine Verschilfung hintanhält.

Leider ist auch den Landwirten vielfach nicht bewusst, was gerade in der Natur abläuft. Bracheschlägerungen mitten in der frühsommerlichen Brutzeit sind für alle Wiesenbrüter, aber auch für viele Insekten das sichere Ende. Leider fallen Biobetriebe in puncto Schlägerungen sehr negativ auf. Allgemein kann gesagt werden, dass beim Bracheschlägern viel zerstört wird und dies den Landwirten anscheinend nicht ausreichend bewusst ist. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass die Schlägerungen aus Zeitvertreib vor der Ernte stattfinden. In der Gutsverwaltung Hardegg gilt die strikte Regelung, dass zwischen 15. April und Ende Juli nicht gemulcht wird und wenn doch, dann nur auf bewusst angelegten Streifen, welche immer kurz sind und dem Niederwild zum Abtrocknen und als Äsungsflächen dienen.

Bei der Anlage von Wildäckern sollte unterschieden werden zwischen Winterfutterflächen (Bild 3) und Brutflächen (Bild 4). Wissenschaftlichen Grundlagen folgend ist die Basis für Artenvielfalt und Niederwild dann gelegt, wenn 7 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche (LN) als Wildäcker zur Verfügung stehen. In der Gutsverwaltung Hardegg werden 7 % der LN ausschließlich für Biodiversität zur Verfügung gestellt, wobei je die Hälfte als Winterfutterflächen und Brutflächen angelegt wird. Während bei den Winterfutterflächen mehrjährige Mischungen zum Einsatz kommen, bestehend aus Sorghum, Mais, Markstammkohl, Zichorie, Sonnenblume etc., wird bei den Brutmischungen besonderer Wert auf blühende, insektenreiche Pflanzengesellschaften gelegt sowie auf Pflanzen mit guten Nährwerten wie Klee und Luzerne.

Exkurs Biodiversität: Landwirte und Jäger sind nicht Problem, sondern Lösung
Alarmierenden Meldungen zufolge ist die Artenvielfalt global jährlich um 2 % rückläufig, der Bestand an bekannten Singvögeln wie Kiebitz, Feldlerche und Goldammer hat bei uns seit den 1970er Jahren um über 60 % abgenommen. Aus Deutschland kommen Meldungen, dass die Insekten um 70 % zurückgegangen sind. Auch wenn nicht jede Alarmmeldung wissenschaftlich belegbar ist: Die Entwicklungen sind wirklich beunruhigend, und natürlich hat die Landbewirtschaftung einen Einfluss, aber das ist nicht der einzige Aspekt. Auch die Klimaveränderungen wirken sich sicherlich ganz stark aus, das trockene Jahr 2017 war beispielsweise für Insekten sehr schlecht. Oder die zunehmende Einschränkung bei Pflanzenschutzmitteln: Dies wird dazu führen, dass kaum noch Raps angebaut wird, und Raps ist bekanntlich ein Magnet für eine Vielzahl von Insekten. Oder aber die zunehmende Nachtbeleuchtung an Straßen: Untersuchungen zufolge fallen jedem modernen Lichtmasten schätzungsweise 1 Million Insekten jährlich zum Opfer.

Landwirte und Jäger haben es in der Hand, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Die Landwirtschaft kann bei der Bewirtschaftung auf die Artenvielfalt Rücksicht nehmen, neben der o.a. Anlage von Wildäckern und Feldgehölzen können aber auch Wegböschungen erhalten anstatt eingepflügt werden, es können in Weizenschlägen Kiebitz- und Lerchenfenster (Bild 5) angelegt werden bzw. Streifen mit Dünnsaat. Eine vielfältige Fruchtfolge und eine gute Durchmischung der Schläge sind für die Artenvielfalt wichtig. Mais als Kulturpflanze ist wahrscheinlich die uninteressanteste Kultur aus Sicht der Artenvielfalt, ganz anders als Getreide, Raps, Soja und Erbse.

Für die Erhaltung der Artenvielfalt sind aber ebenfalls die Fütterung und die Lebensraumbetreuung inklusive Raubwildkontrolle essentiell. Landwirte und Jäger müssen mehr Bewusstsein für Artenvielfalt und Biodiversität entwickeln. In der Gutsverwaltung Hardegg wird seit vier Jahren am Big Farmland Bird Count des GWCT teilgenommen, und seit letztem Jahr werden Schulungen für interessierte Landwirte und Jäger angeboten.

Fütterung
Während das Füttern der Singvögel im Garten völlig normal ist, wird die um vieles bedeutendere Fütterung in der agrarischen Kulturlandschaft von den Behörden vielfach angefeindet. Ungenügende gesetzliche Rahmen öffnen Tür und Tor für engstirnige Beamte, welche hinter jeder Fasanenschütte eine Rotwild- oder Schwarzwildkirrung sehen. Solange es hier nicht ein radikales Umdenken und eine Bewusstseinsänderung der Behörden gibt, notfalls mit einer Klarstellung im Gesetz, wird es mit Niederwild und Biodiversität nicht aufwärts gehen können.

Die heutige Landwirtschaft arbeitet so sauber und genau, dass kaum noch Ernteverluste anfallen, die Transportfahrzeuge nichts mehr verlieren und die Lager so dicht sind, dass auch an den Hofstellen kaum noch Futter anfällt. Deshalb muss aktiv Futter zugeführt werden. Mit ca. 3 % einer fiktiven Erntemenge oder anders gesagt ca. 20 Tonnen Futter pro 100 Hektar und Jahr findet man in gut bestückten Niederwildrevieren das Auslangen. Dies kommt auch einer Vielzahl von Singvögeln zugute. Je besser der Futterzustand der Vögel ist, umso besser können sie sich vermehren und umso größer ist die Artenvielfalt. Fütterung ist somit angewandter Artenschutz.

In der Gutsverwaltung Hardegg wird seit Jahrzehnten großer Wert auf die Niederwildfütterung gelegt, neuerdings werden hochwertige Mischungen aus Sonnenblume, Getreide, Gelbhirse, Raps und Mais angelegt. Im Frühjahr werden eine Vielzahl von Futterkübeln ausgebracht, um speziell die Fasanhennen, aber auch andere Vögel bei guter Kondition zu halten. Je besser der Futterzustand im Frühjahr ist, desto mehr Eier können gelegt werden und desto besser ist die Vermehrung von Wild und Singvögeln. Im Sommer und Herbst werden Futterrüben ausgebracht, um für Hase und Co. den Ernteschock abzumildern und Saftfutter anzubieten. Im Winter schließlich wird viel Wert auf eine regelmäßige Beschickung der  Futterstellen gelegt, natürlich über die Jagdperiode hinaus, und es werden auch Zuckerrüben ausgebracht, welche wichtige Energielieferanten für das Wild sind.

Ruhe
Oftmals wird die Bedeutung der Ruhe im Revier stark unterschätzt. Was für Rotwildjäger ganz normal ist, sollte auch für Niederwildjäger gelten: Das Revier muss in Ruhe gelassen werden! Permanente abendliche und frühmorgendliche Störungen sind zu unterlassen, gerade Fasane sind da empfindlich und müssen auf ihren Schlafplätzen in Ruhe gelassen werden. In der Gutsverwaltung Hardegg wird daher großer Wert auf Ruhezonen und wenig Jagddruck gelegt. Auch bei den landwirtschaftlichen Arbeiten wird auf Nachtarbeit verzichtet, bei den Holzarbeiten werden punktuelle Schwerpunkte im Revier gebildet, sodass andere Teile unberührt bleiben.

Lebensraumbetreuung und Raubwildkontrolle
Ganz bewusst setze ich dieses Thema an den Schluss. Artenschutzprogramme in England, beispielsweise für den Kranich oder den seltenen Brachvogel, haben gezeigt, dass alle Anstrengungen zum Erhalt von seltenen Vögeln umsonst sind, wenn man das Raubwild unkontrolliert lässt. Dies ging in England sogar so weit, dass die Umweltschutzministerin im Parlament die umfassende Raubwildkontrolle verordnet hat, um den Brachvogel vor dem Aussterben zu bewahren.

Gute Niederwildreviere haben natürlich auch für Raubwild eine besondere Anziehungskraft, v.a. dann, wenn es rundherum wildleer ist. Je weniger Wild vorhanden ist, umso größer ist die negative Auswirkung von Raubwild. Welche Jagd kann es sich noch leisten, wenn beispielsweise ein Rebhuhngelege zerstört wird?

In der Gutsverwaltung Hardegg konnte der Einfluss von Raubwild auch auf die Singvogelpopulationen nachgewiesen werden, v.a. das massive Sperbervorkommen behindert eine Erholung der Bestände. Deshalb wurde bei den zuständigen Behörden der Abschuss von Sperbern beantragt. Es geht dabei ausschließlich um eine Regulierung zugunsten der Artenvielfalt.

Sorge bereiten auch Bioinvasoren wie Nutria und Biber, welche Lebensräume zerstören. Große Probleme gibt es mit ausgesetzten Großräubern wie Kaiser- und Seeadler. Hier muss den Jagdverbänden gemeinsam mit Gesetzgeber und Behörde etwas einfallen, um ein wahlloses Aussetzen durch Greifvogelzüchter zu unterbinden, auch im Sinne des Tierschutzes: Ausgesetzte Großräuber sind meist sehr zahm, finden sich in unserer Kulturlandschaft nicht zurecht und leiden Hunger. Auswilderungsprojekte von Großräubern sollten kritisch hinterfragt werden und sich auf große Nationalparks beschränken.

Schlussfolgerungen
Niederwildhege ist angewandter Artenschutz. Was vor einigen Jahrzehnten noch von selbst ging, erfordert heute Fachwissen und die Bereitschaft, aktiv gegenzusteuern, um laufende Trends zu stoppen. Biodiversität und Niederwild korrelieren positiv – alles, was dem Niederwild zugute kommt, fördert auch die Biodiversität. Damit beides von Erfolg gekrönt ist, muss in den Revieren umfassend gearbeitet werden: in den Bereichen der Lebensraumerhaltung, Fütterung und Raubwildkontrolle. Der Gesundheit der Wildbestände kommt vermehrt Bedeutung zu, hier braucht es seitens der Jägerschaft einen offenen Zugang anstatt dem Festhalten an Dogmen und die Einbindung der Wissenschaft zur Ursachenanalyse und Therapie.

Landbewirtschafter und Jagdberechtigte bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Dort, wo sie gut kooperieren oder in einer Hand sind, sind die Erfolgsaussichten deutlich besser. In Eigenjagdgebieten erfolgt die Niederwildbetreuung meist durch einen Berufsjäger und erfordert Gesamtkosten von rund 50 Euro/ha und Jahr. Im Bereich der Genossenschaftsjagden ist ehrenamtliches Engagement gefragt, es müssen klare Regeln erstellt werden.

Nur wer etwas tut für das Niederwild und bereit ist, dafür zu zahlen, darf auch jagen. Gerade in Richtung der Jungjäger muss die Passion für Niederwild wieder geweckt werden. Sprüche wie „der Hahn legt keine Eier, deswegen kann jeder geschossen werden“ oder „in fünf Jahren ist es eh vorbei“ sollen in Wirtshaus und Weinkeller bleiben. Das Schöne an der Arbeit mit der Natur ist, dass es nie zu spät ist, man kann jederzeit neu starten, auch wenn man von null ausgeht.

Geht die Niederwildjagd aber verloren, dann ist ein wesentlicher Teil unserer Jagdkultur weg. Wir werden dann zu Nachtansitz-Saujägern oder Jagdtouristen reduziert – keine schönen Aussichten. Auch die Landwirtschaft wird zukünftig verstärkt den Beweis antreten müssen, die Biodiversität zu erhalten; dies kann nur gelingen, wenn die Jagd eingebunden wird. Agrarumweltprogramme sollten diese innovative Kooperation aufnehmen.

Der Lohn für all diese Bemühungen rund um Niederwild und Biodiversität ist vielfältig: eine Landbewirtschaftung im Gleichklang mit der Natur, ein hoher Reichtum an Arten und Wild und schlussendlich ein verbessertes Image für Landwirtschaft und Jagd. Niederwild und Singvögel dienen als Zeiger für eine nachhaltige, ausbalancierte Bewirtschaftung.

Die Erhaltung von Artenvielfalt und Niederwild muss daher einfach ein richtiges Ziel sein, geht es doch darum, einen wahren Schatz für nachfolgende Generationen zu bewahren. Jäger und Landwirte sollten sich diese Chance nicht entgehen lassen.

Dipl.-Ing. Maximilian Hardegg
Gutsverwaltung Hardegg

 Singvogelzählung 2018
Am 29. Jänner 2018 findet die 2. Singvogelschulung in der Gutsverwaltung Hardegg durch Dr. Roger Draycott /GWCT statt . Die Teilnahme ist gratis und die Teilnehmer erhalten ein Zertifikat; es wird eine gemeinsame Probezählung vorgenommen.
Anmeldung unter: office@hardegg.at

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