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Lebensraumvernetzung in Österreich: Warum Wildtiere sichere Wege brauchen

Straßen, Siedlungen, Betriebsgebiete und versiegelte Flächen zerschneiden die Landschaft mehr und mehr. Für Wildtiere werden gewohnte Wechsel dadurch oft gefährlich oder unpassierbar. Die Lebensraumvernetzung hilft, getrennte Lebensräume wieder zu verbinden – und ist damit praktischer Wildtier- und Naturschutz.

LEBENSRAUM VERNETZEN
für Wildtiere

Ein Reh wechselt entlang einer Hecke über die Wiese. Ein Hirsch zieht am Waldrand entlang. Auch Fuchs, Dachs, Feldhase, Wildkatze oder Luchs bewegen sich bevorzugt entlang vertrauter Strukturen: Hecken, Bachläufe, Feldgehölze, Böschungen, Waldränder oder alte Wildwechsel geben Deckung, Orientierung und Sicherheit.

Doch genau diese Wege sind vielerorts unterbrochen. Straßen, Bahnlinien, Siedlungen, Gewerbegebiete und intensiv genutzte Agrarflächen zerschneiden Lebensräume. Was für Menschen Mobilität, Wohnraum und Infrastruktur bedeutet, kann für Wildtiere zur unüberwindbaren Barriere werden. Sie müssen Umwege nehmen, gefährliche Straßen queren oder bleiben in immer kleineren Lebensräumen isoliert.

Und genau hier kommt die Lebensraumvernetzung ins Spiel.

Was bedeutet Lebensraumvernetzung?

„Lebensraumvernetzung bedeutet, Grünräume, die in ihren Funktionen vernetzt sind, zu erhalten oder wiederherzustellen“, erklärt Florian Danzinger, Experte für Lebensraumvernetzung im Umweltbundesamt. Gemeint sind also Wälder, Wiesen, Äcker, Hecken, Gewässerränder und andere Landschaftselemente, die nicht für sich alleinstehen, sondern miteinander verbunden sind.

Solche vernetzten Lebensräume erfüllen viele Aufgaben gleichzeitig. Sie bieten Pflanzen und Tieren Lebensraum, ermöglichen Wanderung und Ausbreitung, sichern Nahrung, Deckung und Fortpflanzung – und sie leisten auch für den Menschen wertvolle Dienste, etwa als Erholungsraum oder als Teil einer widerstandsfähigen Landschaft.

„Vernetzte Lebensräume sind Garant für vielfältige und widerstandsfähige Lebensgemeinschaften“, weiß Danzinger. Barrieren wie Straßen, Flussverbauungen oder Zersiedelung wirken dieser Vernetzung hingegen entgegen.

Warum ist das Vernetzen von Lebensräumen heute wichtiger denn je?

 

Der Druck auf Österreichs Landschaften wächst. Lebensräume gehen durch Straßen, Bahnlinien, Flussverbauungen, Siedlungs- und Industriegebiete, Freizeiteinrichtungen oder intensive Landnutzung verloren – oder sie werden in immer kleinere Teilräume zerschnitten.

Danzinger nennt dazu konkrete Zahlen: „Die Gesamtnetzlänge des österreichischen Straßennetzes hat sich in den Jahren 2008 bis 2022 um 17 Prozent auf rund 128.305 Kilometer erhöht.“ Hinzu kommt ein Schienennetz mit einer Länge von 5.636 Kilometern. Besonders stark sei die Zerschneidung außerhalb der Alpen. „Das Alpenvorland, das Grazer und das Klagenfurter Becken sind die am stärksten zerschnittenen Gebiete.“

Für Wildtiere bedeutet diese Entwicklung: Lebensräume werden kleiner, Wanderwege schwieriger, Austauschmöglichkeiten seltener. Eine Straße kann einen alten Wildwechsel unterbrechen. Ein Gewerbegebiet kann einen Waldrand vom nächsten Feldgehölz trennen. Eine neue Siedlung kann eine Engstelle schließen, die für Tiere bislang durchlässig war.

Welche Folgen hat Flächenversiegelung für Wildtiere?

Durch zunehmende Versiegelung verschwinden nicht nur einzelne Flächen, es gehen auch wichtige Verbindungsachsen zwischen Lebensräumen verloren. Für Tiere und Pflanzen kann das weitreichende Folgen haben.

„Fragmentierte Lebensräume beeinträchtigen Wander- und Ausbreitungsmöglichkeiten von Tieren und Pflanzen, reduzieren ihre Fitness und die genetische Variabilität von Arten und beeinflussen die Biodiversität in Ökosystemen negativ“, erklärt Danzinger.

Wenn Populationen voneinander getrennt bleiben, fehlt langfristig genetischer Austausch. Bestände können anfälliger für Krankheiten, Umweltveränderungen und Klimawandelfolgen werden. Auch das Verhalten von Wildtieren verändert sich, wenn Wanderwege blockiert sind oder sichere Querungen fehlen.

Dabei betrifft Landschaftszerschneidung nicht nur die Tierwelt. Auch der Mensch ist betroffen, etwa durch den Verlust von Ökosystemleistungen oder durch ein erhöhtes Risiko von Wildunfällen.

Grünbrücken und Wilddurchlässe: Sichere Querungen für Wildtiere

Zu den bekanntesten Maßnahmen der Lebensraumvernetzung zählen Grünbrücken. Sie führen über Autobahnen, Schnellstraßen oder Bahntrassen und ermöglichen Wildtieren, gefährliche Barrieren sicher zu queren. Auch Unterführungen, Wilddurchlässe oder bachbegleitende Querungen können wichtige Verbindungen schaffen.

„Hochrangige Infrastruktur wie Bahnstrecken und Autobahnen stellen für bodengebundene Wildtiere wie Rotwild, Füchse und Dachse unüberwindbare oder lebensgefährliche Hindernisse dar“, sagt Danzinger. Deshalb seien sie auf sichere Querungsmöglichkeiten angewiesen.

Davon profitieren nicht nur Wildtiere. „Auch für uns Menschen bringen diese Wildtierquerungshilfen den Vorteil, dass wir nicht von Wildtieren auf der Fahrbahn oder auf Gleisen überrascht oder in lebensgefährliche Situationen gebracht werden.“

Beim Neubau von Autobahnen oder Eisenbahnstrecken werden geeignete Querungsmöglichkeiten heute meist von Beginn an mitbedacht. Schwieriger ist die Nachrüstung an bestehenden Strecken. Dort scheitern sinnvolle Standorte laut Danzinger oft an der bereits erfolgten Be- und Zersiedelung oder an Fragen der Grundstücksverfügbarkeit.

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Grünbrücken über Autobahn © Gebhard Banko
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Lebensraumvernetzung unter Autobahn © Theresa Walter
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Heckenstreifen © Envato

Wann funktionieren Grünbrücken wirklich?

Eine Grünbrücke allein löst noch kein Vernetzungsproblem. Entscheidend ist, ob sie von den Tieren überhaupt erreicht und angenommen werden kann.

„Die bloße Errichtung einer Grünbrücke garantiert noch keine erfolgreiche Wiedervernetzung von Lebensräumen“, betont Danzinger. Der entscheidende Erfolgsfaktor sei die landschaftliche Einbindung in bestehende Lebensräume und Wanderkorridore. Wildtiere brauchen geeignete Leitstrukturen, störungsarme Annäherungsbereiche und eine funktionierende Anbindung an das Umfeld.

Eine Grünbrücke muss also Teil eines größeren ökologischen Netzwerks sein. Wenn sie isoliert liegt, auf beiden Seiten aber Siedlungen, Zäune oder ausgeräumte Flächen anschließen, bleibt ihre Wirkung begrenzt. Wird sie hingegen in einen bestehenden Korridor eingebettet, kann sie Lebensräume tatsächlich wieder verbinden.

Im Projekt „Biodiversität und Infrastruktur“ arbeitet das Umweltbundesamt gemeinsam mit dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK), Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI), ASFINAG, ÖBB und viadonau  an genau solchen Fragen. Die Expertinnen und Experten unterstützen bei der Umsetzung von Wildtierquerungshilfen und beraten zur Standortwahl, zur Einbettung in das Korridornetz der Lebensraumvernetzung Österreich sowie zum regionalen Biotopverbund.

Von Hecken, Windschutzstreifen und Trittsteinbiotopen

Lebensraumvernetzung findet aber nicht nur an Autobahnen und Bahnstrecken statt. Gerade in der offenen Kulturlandschaft sind Hecken, Windschutzstreifen, Feldraine, Brachen, kleine Waldstücke und Feuchtflächen wichtige Verbindungselemente.

Sie bieten Deckung, Nahrung, Orientierung und Rückzugsraum. Ein Windschutzstreifen schützt also nicht nur den Boden vor Erosion. Er kann auch Feldhasen, Füchsen, Rehen, Vögeln, Insekten oder Kleinsäugern helfen, eine offene Landschaft sicherer zu durchqueren.

„Windschutzstreifen und Hecken können eine wertvolle Maßnahme sein, um Tierarten, die auf Deckung angewiesen sind, den Weg durch die Landschaft zu weisen“, sagt Danzinger.

Österreichweit sind laut Umweltbundesamt Lebensraumkorridore unterschiedlicher Kategorien – lokal, regional und überregional – mit mehr als 21.000 Kilometern Länge ausgewiesen. Davon liegen rund 16.500 Kilometer in Waldgebieten und etwa 4.500 Kilometer im Offenland. Sie bilden möglichst barrierearme, unverbaute und weitgehend unversiegelte Räume ab, die erhalten werden sollen.

Auch Trittsteinbiotope spielen dabei eine wichtige Rolle. Kleine Waldinseln, Feldgehölze, Brachen, Gewässerränder oder Feuchtflächen können Tieren helfen, eine intensiv genutzte Landschaft in Etappen zu durchqueren.

Welche Wildtiere profitieren von Lebensraumvernetzung?

Von vernetzten Lebensräumen profitieren viele Arten – nicht nur Schalenwild. Reh- und Rotwild brauchen sichere Wechsel zwischen Einstand, Äsungsflächen und Rückzugsräumen. Füchse und Dachse nutzen Korridore für ihre Revierbewegungen. Feldhasen sind auf strukturreiche Offenlandschaften angewiesen. Wildkatze und Luchs benötigen großräumige, ruhige und verbundene Lebensräume.

Danzinger fasst es so zusammen: „Die Vernetzung und Durchgängigkeit von Landschaften für Wildtiere zu bewahren, wirkt sich unmittelbar positiv auf den Erhalt und den Gesundheitszustand von Wildtierpopulationen aus.“

Dabei profitieren sowohl regional vorkommende Arten wie Reh, Fuchs und Dachs als auch weitwandernde Arten wie Luchs oder Elch. Aber auch Amphibien, Reptilien, Kleinsäuger, Insekten und Vögel sind auf Verbindungen angewiesen. Lebensraumvernetzung ist daher nicht nur ein Thema für einzelne Wildarten, sondern für die gesamte Biodiversität.

Welche Rolle spielt die Jagd
beim Lebensraum vernetzen?

Jägerinnen und Jäger kennen viele Bewegungsmuster des Wildes aus der Praxis. Sie wissen, wo Wild regelmäßig wechselt, welche Einstände genutzt werden, wo Wildunfälle gehäuft auftreten und welche Landschaftsstrukturen für Tiere wichtig sind. Dieses Wissen kann bei Planung, Monitoring und Wildunfallprävention wertvoll sein.

Auch Danzinger sieht die Jägerschaft als wichtigen Akteur: „Der Jägerschaft vor Ort kommt eine besondere Bedeutung zu, um lokale Einstände und Wanderrouten von Wildtieren zu dokumentieren.“

Gleichzeitig brauche es ein wachsames Auge für Veränderungen in der Landschaft. Geplante Flächenwidmungen, neue Siedlungen oder Infrastrukturprojekte können wichtige Korridore beeinträchtigen. Gerade vor Ort ist es daher wichtig, frühzeitig zu erkennen, wo Lebensraumvernetzung gefährdet ist.

Die Jagd kann damit eine sachliche Rolle in der Lebensraumvernetzung übernehmen: durch Beobachtung, Dokumentation, Mitarbeit bei Projekten und Lebensraumverbesserungen im Revier.

Was verbindet Lebensräume?

  • Grünbrücken über Straßen und Bahnlinien
  • Wildunterführungen und Durchlässe
  • Hecken und Windschutzstreifen
  • Feldraine, Brachen und Blühflächen
  • Bachläufe und Ufergehölze
  • kleine Waldstücke und Feldgehölze
  • Feuchtflächen und Trittsteinbiotope

Lebensraumvernetzung ist ein Gemeinschaftsprojekt

Lebensraumvernetzung funktioniert nur, wenn viele Beteiligte zusammenarbeiten. Infrastrukturbetreiber, Raumplanung, Gemeinden, Jägerschaft, technische Büros, Behörden, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Naturschutz und Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer müssen an einem Strang ziehen.

„Lebensraumvernetzung betrifft alle Akteure rund um freilebende Wildtiere in Österreich“, sagt Danzinger. Rechtlich abgesichert seien Korridore bisher nur in wenigen Fällen. Auf allen anderen Flächen brauche es ein Miteinander, um die Konnektivität in der Landschaft zu erhalten.

Aktuell laufen mehrere Vorhaben, die sich mit der Erfassung, dem Monitoring und der Bewertung der tatsächlichen Durchlässigkeit von Lebensraumkorridoren befassen. Dabei werden Korridorabschnitte und Engstellen analysiert, Barrieren und Querungsmöglichkeiten bewertet und Empfehlungen für die Verbesserung und langfristige Sicherung wichtiger Vernetzungsachsen erarbeitet.

Die Herausforderung bleibt groß: Flächendruck, Versiegelung, Klimawandel und Nutzungskonflikte nehmen zu. Umso wichtiger ist es, bestehende Verbindungen zu sichern, bevor sie endgültig verloren gehen.

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Bildquellen für diesen Beitrag: © Pixabay | © Envato | © AdobeStock
Autor für diesen Beitrag: U. Macher / Jagdfakten.at

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