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Brunftzeitkalender: Wenn’s im Revier funkt

Röhren, Fegen, Kämpfen: Im Laufe des Jahres hat jede Wildart ihre ganz eigene Paarungszeit.
Wir bieten hier einen Kalender für alle, die wissen wollen, wann im Revier besonders viel los ist.

BRUNFTZEIT
bei Wildtieren

Was ist die Brunft? Als „Brunft“ bezeichnet man vor allem die Paarungszeit der Schalenwildarten. Andere Wildtiere haben Ranz-, Balzzeiten etc. In dieser Phase verändert sich das Verhalten deutlich: Tiere suchen aktiv nach Paarungspartnern, Männchen konkurrieren miteinander, markieren Reviere oder verteidigen Weibchen und Brunftplätze. Hirsche röhren, Gamsböcke liefern sich Kämpfe, Rehböcke markieren ihr Revier: Die sogenannte Brunftzeit bringt so einige Verhaltensauffälligkeiten unsere heimischen Wildarten zum Vorschein.

Für Jäger und Naturbeobachter ist diese Zeit besonders spannend, denn Wild, das sonst oft heimlich und zurückgezogen lebt, zeigt sich plötzlich deutlich sichtbarer. Die Sache ist nur folgende: Die Brunft findet je nach Wildart zu unterschiedlichen Zeiten statt.

Der wichtigste Taktgeber ist die Sonne, das heißt, genaugenommen wird alles über das Sonnenlicht im Jahreslauf gesteuert. Wann und wie die Brunft abläuft, unterscheidet sich dennoch erheblich. Die Weidmannssprache kennt zudem eigene Begriffe: Beim Schwarzwild spricht man von „Rauschzeit“, die Rehbrunft wird auch „Blattzeit“ genannt. In unserem Glossar findet ihr mehr dazu.

SOMMER
Brunftzeit für Rehwild

Die Rehbrunft von etwa Mitte Juli bis Mitte August zählt zu den eindrucksvollsten Naturschauspielen des Sommers.

Während der Brunft folgt der Rehbock der brunftigen Geiß oft über längere Zeit. Dabei können auf engem Raum die bekannten „Hexenringe“ entstehen: kreisförmig niedergetretene Vegetation. Das ist keine Verfolgungsjagd im eigentlichen Sinn, er verfolgt lediglich die Geiß. Rehböcke verteidigen zudem ihre Reviere und sind in dieser Phase besonders aktiv und oft weniger vorsichtig.

Eine 2021 in Animal Behaviour veröffentlichte Studie an Rehen im Südwesten Frankreichs ermittelte bei erwachsenen Böcken im Juli durchschnittlich 8,55 Kilometer zurückgelegte Tagesstrecke. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie sich jeden Tag 8,55 Kilometer von ihrem Ausgangspunkt entfernen. Ein Bock kann sich innerhalb seines vergleichsweisen kleinen Reviers – beispielsweise auf rund 15 Hektar – vielfach hin und her bewegen. Die hohe Tagesstrecke beschreibt somit vor allem die gesteigerte Aktivität während der Brunft, nicht großräumige Wanderungen.

FRÜHHERBST
Rotwild in der Brunft

Kaum ein Laut prägt den Herbst so sehr wie das Röhren des Rothirsches.

Vorwiegend von September bis Anfang Oktober verteidigen Platzhirsche ihre Brunftrudel gegen Rivalen. Das weithin hörbare Röhren ist dabei ein wichtiges Signal: Beim Rufen zieht der Hirsch seinen Kehlkopf weit zurück – um bis zu etwa 30 Zentimeter – und vergrößert so seinen Vokaltrakt. Je größer der Hirsch, desto größer der Vokaltrakt, desto tiefer/lauter der Schrei. Dabei bilden Hirsche Konsonanten. Das Röhren informiert Rivalen über den Rufer und kann direkte Auseinandersetzungen vermeiden.

Eine 2019 in Mammalian Biology veröffentlichte Studie an wild lebenden Rothirschen in Südungarn analysierte dafür mehr als 5.500 Brunftrufe und zeigte, dass sich die Lautäußerungen verschiedener Rothirschpopulationen messbar unterscheiden. Das Röhren verrät also nicht nur, dass Brunft herrscht, sondern trägt auch Informationen über den jeweiligen Hirsch und seine Population.

Das parallele Gehen zweier Kontrahenten, der sogenannte Parallelmarsch, dient dem Vermeiden von Kämpfen. Kommt es doch zum Kampf, handelt es sich meist um einen Schiebekampf, bei dem die Hirsche ihre Kräfte messen.

HERBST
Brunft für Damwild und Muffelwild

Damwild: Kämpfe auf den Brunftplätzen

Damwild ist eine ganz besondere Art, da sich hier die Hirsche meist im Oktober auf traditionellen Brunftarenen, sogenannten „Leks“ (ähnlich einem Birkhuhnbalzplatz) versammeln. Auf dieser Arena verteidigt jeder Hirsch nur ein kleines Territorium. Mit Brunftrufen und Imponierverhalten präsentieren sich die Männchen den Weibchen. Interessant ist, dass die Weibchen immer den möglichen Partner wählen. Die Ansammlung der Hirsche ist damit ein Angebot an die Weibchen. Rangordnung und Konkurrenz beeinflussen, welche Hirsche sich erfolgreich paaren können.

Eine 2023 in Animal Behaviour veröffentlichte Studie an einer großen, markierten Damwildpopulation im Phoenix Park in Dublin zeigte: Höherrangige Hirsche kämpften häufiger und erzielten auch mehr Paarungen. Besonders interessant: Hirsche, die an einem Tag besonders viele Kämpfe gewannen, hatten am Folgetag bessere Chancen auf Paarungen.

Muffelwild: Hier entscheidet die Kraft

Von Ende Oktober bis Anfang Dezember erreicht das Muffelwild seine Brunftzeit. Besonders eindrucksvoll sind die Kämpfe der Widder, die mit hoher Geschwindigkeit aufeinanderprallen und ihre gewaltigen Hörnern auch „Schnecken“ genannt, gegeneinanderschlagen. Das weithin hörbare Knallen dient nicht nur der Kraftdemonstration, sondern entscheidet über die Rangordnung innerhalb der Population. Meist genügt bereits die Einschätzung des Gegners (Größe, Alter und Stärke der Schnecken geben Hinweise auf die körperliche Verfassung), bevor es tatsächlich zum Kampf kommt.

Wie eng Fortpflanzung und Jahresrhythmus zusammenhängen, zeigt auch eine 2025 veröffentlichte Studie an Mufflons. Sie untersuchte den Einfluss der Tageslänge und Schilddrüsenhormonen auf Hornwachstum und Fortpflanzungsaktivität. Dabei zeigte sich: Lange Tage förderten unter bestimmten hormonellen Voraussetzungen das Hornwachstum, während die Fortpflanzungsaktivität saisonal zurückging. Brunft und Hornwachstum folgen beim Mufflon damit unterschiedlichen Phasen des jahreszeitlichen Rhythmus.

SPÄTHERBST & WINTER
Brunftzeit für Gamswild, Steinwild und Schwarzwild

 

Gamswild: Brunft im Hochgebirge

Die Gamsbrunft findet vor allem im November statt und klingt gewöhnlich vor Dezember aus. Bei den Böcken lassen sich vereinfacht zwei Strategien unterscheiden: territoriale, Einzelgänger („residents“) und ziehende Männchen („seasonal migrants“). Die territorialen Böcke sind standortstreu und eher im Wald oder Waldgrenzbereich daheim. Darüber hinaus nutzen sie deutlich kleinere Streifgebiete als nicht territoriale Gamsböcke. Die meist älteren, territorialen Böcke besetzen ihre Reviere bereits im Frühsommer. Böcke leben nicht zurückgezogen, es ist leicht einen alten Gamsbock in seinem Revier im Sommer zu beobachten oder auch zu jagen, denn sie bewegen sich nicht viel.

Während der Brunft kommt es in der Regel nur zwischen den Gamsböcken zu Verfolgungsjagden, bei denen vor allem Wendigkeit gefragt ist. Gelegentlich kann es vorkommen das ein Bock „herdet“, also versucht eine Geiß in sein Rudel zurückzutreiben. Daneben gibt es sogenannte Drohduelle (Breitseitimponieren), diese erfolgen immer zwischen Bock und Bock oder Geiß und Geiß, hierbei spielt die Wendigkeit allerdings keine Rolle.

Auch die Schneelage beeinflusst die Begegnungen während der Brunft. Eine 2020 veröffentlichte Studie im Gran-Paradiso-Nationalpark in den italienischen Westalpen zeigte, dass sich die Aufenthaltsgebiete von Geißen und territorialen Böcken bei zunehmender Schneehöhe stärker überschnitten. Der naheliegende Zusammenhang: Wenn es in höheren Lagen zuschneit, weichen Geißen nach unten aus. Dort, im Waldgrenzbereich, liegen häufig die Reviere der älteren territorialen Böcke. So können diese bei Schnee mehr Kontakt zu Geißen haben, ohne selbst weite Strecken zurücklegen zu müssen.

Quelle: Studie an Gamswild

Steinwild: Rangordnung vor der Brunft

Beim Steinwild beginnt die Vorbereitung auf die Brunft lange vor dem Winter. Die Böcke leben im Sommer in Bockrudeln und klären ihre Hierarchie und Rangordnung bereits während dieser Zeit. Wenn im Dezember die Brunft einsetzt, sind die Kräfteverhältnisse daher meist bekannt. Das mächtige Gehörn des Steinbocks dient dabei auch als sichtbares Rangabzeichen – anders als die Krucke der Gams. Weil das Steinwild so spät im Jahr brunftet, ist Energiesparen besonders wichtig. Die Brunft verläuft vergleichsweise ruhig.

Schwarzwild: Flexibel je nach Alter

Bei Wildschweinen ist die Paarungszeit, auch „Rauschzeit“ genannt, weniger streng an einen Zeitraum gebunden als bei anderen Wildarten. Sie erstreckt sich in der Regel von Oktober bis März, wobei der Höhepunkt der Rauschzeit in Mitteleuropa meist zwischen Ende November und Anfang Februar liegt. Beeinflusst wird sie von Faktoren wie Witterung, Nahrungsangebot und Populationsstruktur.

Vor allem ältere Keiler konkurrieren in dieser Zeit um die Fortpflanzungschancen. Außerhalb der eigentlichen Rauschzeit kann es ebenfalls zu Paarungen kommen, insbesondere wenn Nahrungsangebot, körperliche Entwicklung und andere Umweltbedingungen günstig sind. Auch die soziale Struktur der Rotten spielt eine wichtige Rolle: Rangordnung und Erfahrung einzelner Tiere beeinflussen, welche Tiere erfolgreich zur Fortpflanzung kommen.

Gerade die Mastjahre, in denen reichlich Eicheln, Buchecker und andere Nahrungsquellen im Überfluss vorhanden sind, können den Zeitpunkt der Rauschzeit deutlich verschieben. Eine 2022 veröffentlichte Vergleichsstudie untersuchte über sechs Jahre 1.636 Bachen in 15 Wildschweinpopulationen und zeigte: In Jahren mit höherem Eichelaufkommen setzte die Paarungszeit in den meisten, aber nicht in allen untersuchten Populationen früher ein. Das erklärt auch, warum die Paarungszeit beim Schwarzwild deutlich flexibler ausfallen kann als bei stärker saisonal gebundenen Wildarten.

Warum braucht das Wild während der Brunftzeit Ruhe?

Eines steht fest: Die Brunft gehört nicht nur zu den spektakulärsten, sondern auch zu den sensibelsten Phasen im Wildjahr.

  • Der Energieverbrauch der Tiere – insbesondere der männlichen Tiere – steigt deutlich an
  • gleichzeitig kann sich bei manchen Wildarten das Aktivitäts- und Bewegungsverhalten deutlich verändern.

Oft bekommt man als Naturbeobachter eher zufällig das Brunftverhalten mit, ohne den großen chronologischen Zusammenhang zu kennen oder einordnen zu können. Genau hier kann diese Übersicht helfen. Schließlich kann sie auch dafür sensibilisieren, als Naturbeobachter rücksichtsvoller im Wald vorzugehen. Denn gerade in der Brunftzeit braucht das Wild Ruhe von uns Menschen.

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Bildquellen für diesen Beitrag: © Envato | © Pixabay
Autor für diesen Beitrag: L. Palm / Jagdfakten.at

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