DER LUCHS
ein heimlicher Waldbewohner

Der Luchs ist nicht scheu

Luchse sind nicht unbedingt scheu. Sie führen vielmehr ein „heimliches“ Leben. In den meisten Fällen sieht oder hört ein Luchs Menschen lange bevor diese überhaupt in dessen Nähe kommen. Kommt es dennoch zu einer Begegnung zieht sich der Luchs meist eher langsam zurück. Das ist kein Hinweis auf unnatürliche Vertrautheit gegenüber dem Menschen (z. B. durch Gefangenschaftshaltung). Der Luchs ist nicht scheu, sondern er verlässt sich auf seine Tarnung, hat dadurch eine geringe Fluchtdistanz und kann daher bei Begegnungen mit Menschen vertraut wirken.

Luchse sind hauptsächlich dämmerungs- und nachtaktiv. Die Chance, einen Luchs zu sehen, ist für viele Menschen also von vornherein sehr gering. Luchse, die an Einzelgehöften oder in Siedlungen nach Futter suchen, sind in der Regel verwaiste Jungtiere, die ihre Mutter verloren haben.

Luchse - heimliche Waldbewohner in Österreich, jagdfakten.at informiert

Der Luchs stellt für den Menschen keine Gefahr dar

Für Angriffe von gesunden Luchsen auf Menschen in freier Wildbahn konnten keine Belege gefunden werden. Eine Luchskatze verteidigt selbst ihre Jungen gegenüber Menschen nicht. Auch für Kinder stellt der Luchs keine Gefahr dar. Die einzige Ausnahme könnte – wie bei jeder Tierart – ein tollwütiges Tier sein. Tollwut kommt bei Luchsen aufgrund der geringen Dichten allerdings sehr selten vor. Zudem ist die Tollwut in Mitteleuropa weitgehend ausgerottet. Mögliche Komplikationen kann es bei einer Begegnung zwischen einem Luchs und einem Hund geben.

Luchse: Vorkommen in Ostalpen - jagdfakten.at

Die Jungensterblichkeit bei Luchsen ist hoch

Die Mortalitätsrate bei den Jungtieren bis zur Unabhängigkeit im Alter von 10 Monaten beträgt fast die Hälfte aller Tiere. Auch von den subadulten Luchsen überlebt wiederum nur die Hälfte das zweite Lebensjahr. Das heißt, nur alle 2 Jahre erreicht ein Jungtier das Erwachsenen-Alter (über 2 Jahre).

Der Luchs trennt keine Häupter ab

Abgetrennte Köpfe von Rehen sind – entgegen der weit verbreiteten Annahme – nicht dem Luchs, sondern dem Fuchs zuzuschreiben. Füchse tragen ihren Jungen Nahrung zu, Luchsweibchen hingegen nicht.

Die meisten Luchse in Österreich sind Grenzgänger

Echte Luchs-Populationen – also dauerhafte Vorkommen mit Reproduktion (Jungtieren) – gibt es in Österreich derzeit nur im Mühlviertel (OÖ) und im Waldviertel (NÖ) als Teil der böhmisch-bayerisch-österreichischen Population, im Nationalpark Kalkalpen (OÖ) und dessen Umfeld sowie seit Kurzem auch in Vorarlberg. Mit Ausnahme der isolierten Population im Nationalpark Kalkalpen sind fast alle Luchse Grenzgänger. Das heißt, sie kommen nicht nur auf österreichischem Territorium vor, sondern nutzen auch Gebiete in Tschechien, Deutschland oder der Schweiz.

Aktuell leben zwischen 30 und 35 selbständige (adulte und subadulte) Luchse – zumindest zeitweise – in Österreich. Entscheidend für den Fortbestand einer Luchspopulation ist jedoch nicht allein die Zahl der Luchse an sich, sondern vor allem die Zahl der reproduzierenden Weibchen. Luchsinnen mit Jungen gibt es regelmäßig im Mühl- und Waldviertel und gelegentlich in den Kalkalpen und in Vorarlberg.

Luchsriss

Alle Luchse in Österreich entstammen ursprünglich aus Wiederansiedlungsprojekten

Der Luchs war in Österreich – wie im gesamten Alpenraum und im Böhmerwald – komplett ausgerottet.  Der Grund dafür war die intensive Nachstellung durch den Menschen, der Verlust an Lebensraum (Entwaldung) und der massive Rückgang an natürlichen Beutetieren (Schalenwild) durch Überbejagung und Lebensraumzerstörung. Die heutigen Vorkommen in Österreich, Tschechien (Böhmen), Deutschland, der Schweiz, Liechtenstein, Frankreich, Italien, Slowenien, Kroatien und Bosnien stammen allesamt aus Wiederansiedlungsprojekten.

Luchse sind wie viele Katzenarten — und ganz im Gegensatz zu Wölfen — keine guten Kolonisatoren und erobern nur langsam ihre ursprünglichen Lebensräume zurück. Vom Menschen geschaffene Barrieren und der geringe Ausbreitungsdruck der bestehenden Luchspopulationen haben daher vielerorts Wiederansiedlungs- bzw. Umsiedlungsprojekte notwendig gemacht, um eine langfristig überlebensfähige Luchspopulation in Mitteleuropa zu etablieren.

Luchsfährte, Jagdfakten.at informiert

Luchse brauchen keine Wildnisgebiete

Es wird immer wieder behauptet, für den Luchs und andere große Beutegreifer gäbe es in Mitteleuropa überhaupt keinen Platz mehr. Dem ist entgegen zu halten, dass der Luchs zwar sicher kein Kulturfolger ist, jedoch mit der vom Menschen geprägten Kulturlandschaft durchaus gut zurechtkommt – so lange es genug deckungsreiche Landschaften und genügend Beutetiere gibt. Österreich verfügt über hinreichend große Waldgebiete (fast 50 % der Landesfläche sind mit Wald bestockt) mit hohem Wildbestand, die dem Luchs das Überleben sichern könnten.

Luchse haben vergleichsweise geringe Ansprüche an die Qualität ihrer Lebensräume, aber große Ansprüche an die Ausdehnung ihrer Lebensräume, und benötigen deshalb große, gut vernetzte Waldgebiete zum Überleben. Eine vitale Luchspopulation braucht einen ausgedehnten Lebensraum von einigen tausend Quadratkilometern. Die meisten Schutzgebiete in Europa sind folglich zu klein, um lebensfähige Populationen zu beherbergen.

Autor:

Mag. Peter Gerngross

Peter Gerngross führt auf freiberuflicher Basis Monitoring- und Bestandserhebungs-Projekte für Luchs und Wildkatze in Österreich durch. Darüber hinaus ist er im Rahmen der IUCN Cat Specialist Group auch überregional tätig.

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Bildquellen für diesen Beitrag:
Titelbild: Pixabay; Beitragsbild Luchs: Pixabay; Karte: Peter Gerngross; Rissbild: Vlado Trulik; Spur: Vlado Trulik.

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