eine echte Jägerin, Waldpädagogin Elisabeth Schlemper, MSc.

Autorin: Elisabeth Schlemper, MSc

Elisabeth Schlemper ist Wildbiologin, Jagd- und Waldpädagogin, Mediatorin, Landwirtin und: eine echte Jägerin.
Die Umweltbewusstseinsbildung liegt ihr sehr am Herzen und die Jagd ist dabei ein für sie ganz wesentlicher Teil des Ganzen.

„Bist du eine echte Jägerin?“

Mit Wucht wird der Kofferraum zugeschlagen. Hoffentlich schließt er, bei all dem Zeug was darin eingepfercht ist: Rucksack, Seile, Bestimmungsbücher, Jagdutensilien, Präparate und natürlich viel warme Kleidung zum Anziehen.

Klack. Zum Glück – der Kofferraum ist zu. Dann kann es losgehen zum ersten Waldausgang für diese Woche. Gemeinsam mit der 1. Klasse einer Volksschule im Oberösterreichischen Bezirk Vöcklabruck werden wir uns am Vormittag dem Thema „Wald und Wild“ widmen. Die Kinder warten schon aufgeregt vor der Schule. Sie sind eingepackt in hoffentlich warmes Gewand und ausgerüstet mit Rucksack und Jause. Nach einer kurzen Begrüßung werden die Kinder mit kleinen Baumscheiben-Anhängern versehen, auf denen sie ihren Namen notieren. Die Klasse formiert sich in Zweierreihen und wir gehen los. Ab in den nahegelegenen Wald und ich voran.

Ein kleines Mädchen hinter mir fragt: „Bist Du eine echte Jägerin?“
Zuvor ist mir bereits aufgefallen, wie sich mich und meine Kleidung gemustert hat. Grüne Hose, grüne Jacke und Hut. „Ja“, antworte ich ihr, „ich bin eine echte Jägerin.“ Das Mädchen überlegt. Ihre Schulkollegin lenkt ein: „Hast Du auch ein Schießgewehr?“. „Ja“, antworte ich ihr, „ich habe auch ein Gewehr.“ Und noch bevor ich ausholen kann um mit den beiden Mädchen in die Materie Jagd einzutauchen, wechseln sie auch schon das Thema. Lächelnd lausche ich ihren Gesprächsthemen. Sie erzählen von Eichhörnchen vor den Kinderzimmerfenstern, von einem toten Vogel am Schulweg und von Rehen auf einer Wiese – der Spaziergang in der Natur regt die Erinnerung von einschlägigen Erlebnissen an.

Am Waldrand angekommen, bilden wir einen großen Kreis. Um alle auf den weiteren Vormittag einzustimmen, gibt es ein Bewegungsspiel, bei dem abgefragt wird, wie es um das Wissen der Kinder in Bezug auf das richtige Verhalten im Wald steht. Wie immer ist es für alle ein Selbstverständnis, dass keiner seinen Müll im Wald hinterlässt. Dies dürfte bei den Kindern, quer durch alle Gesellschaftsschichten, eine klare Sache sein. Im Gegenteil: Ich werfe symbolisch ein Taschentuch auf den Boden, und frage ob man das darf. Die Kinder entgegnen schlagartig und teilweise mit Zorn und einem verärgerten „Neeeein! Das darf man nicht!“.

Bei den weiteren Punkten bedarf es dann aber doch ausführlicher Richtigstellungen und Erklärungen, wie zum Beispiel: Wer darf zu welchem Zweck wo und wann den Wald betreten? Wem gehört eigentlich der Wald? Darf ich gefundene Abwurfstangen mitnehmen?

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem aus den Kindern Erlebnisse und Erfahrungen in Wald und Flur heraussprudeln. „Mit meim Opa bin i a oft im Woid Hoiz mochn!“ oder „I hob a schomoi ganz viele Rehe gsegn!“. Bei den obligatorischen Berichten von „a paar Mama-Rehen mit am Papa-Hirsch“ wird dann schnurstracks eingelenkt und passend zur Thematik der Unterschied zwischen Reh und Hirsch aufgezeigt. Aber mehr dazu später, denn das Anschauungsmaterial wartet als krönender Abschluss im Kofferraum.

So erquickend diese Erzählungen und Schilderungen sind, würden sie zeitlich gesehen, vermutlich den ganzen Vormittag füllen. Deshalb geht es zurück in die Zweierreihe und wir betreten, sobald alle wichtigen Verhaltens-Punkte geklärt sind, den Wald. Dass man sich, aus Respekt zu den Lebewesen im Wald, leise verhält, erscheint den Kindern zwar logisch, im Klassenverband ist das jedoch den ganzen Vormittag, schwer durchzuhalten. Vielmehr zählt die Bewegung, die Freude an der Natur und das Entdecken und Bestaunen, besonders für jene die sich in solch einer Umgebung selten aufhalten. Besonders bei kleineren Kindern verbessert sich die Trittsicherheit, gerade nach mehreren Waldausgängen im unwegsamen Gelände deutlich.

Geförderter Waldausgang
bis 4x pro Jahr für Schulklassen

Bis zu viermal im Jahr hat eine Klasse die Gelegenheit, einen durch das BMLRT geförderten Waldausgang, mit einem oder einer zertifizierten WaldpädagogIn in Anspruch zu nehmen. Die Anforderungen an einen Waldausgang sind also, ein möglichst kurzweiliges und mit viel Wissen verpacktes Erlebnis für die Kinder zu schaffen. Der Anspruch darf aber nicht darin bestehen, zehn verschiedene Baumarten perfekt zu lernen und die Biologie heimischer Wildtiere bis ins kleinste Detail zu exerzieren. Vielmehr geht es darum, den Kindern ein Gespür für die Vielfalt und die Notwendigkeit der heimischen Kulturlandschaft, seiner Bewohner und deren Bewirtschaftung zu geben.

„Sehen wir heute auch Tiere?“, fragt mich ein Junge. „Bestimmt!“, versichere ich ihm. Wegen der Lautstärke und der Menge an Kindern, bekommt man aber eher selten Wildtiere wie Rehe oder Fuchs zu Gesicht. Verblüfft sind die Schülerinnen und Schüler aber, wenn sie dann merken, dass sich in jedem Wurzelstock, unter der Rinde zwischen dem liegen gebliebenen Schlagabraum oder in der Baumkrone eine Vielzahl an Insekten und Tieren versteckt und überall etwas zu finden ist. Und nicht nur das: Eine frische Losung vom Fuchs, eine Rupfung von einem Habicht, eine Spechtschmiede, ein befahrener Dachsbau, das Trittsiegel von Schwarzwild, eine Plätzstelle oder Lagerstätte von Rehwild, ein Mäuseloch oder einen Hasenverbiss am Bäumchen.

Das alles entdecken wir bei unserem aufmerksamen Gehen entlang der Forststraße. Man muss halt nur genau schauen. Achtsamkeit! Dieses in der Gegenwart sehr häufig gebrauchte Wort, trifft den Nagel auf den Kopf. Jeder Schritt durch den Wald birgt unzählige unerwartete Beobachtungen. Kleine unscheinbare Kräuter, winzige bunte Insekten, wohltuende Düfte und einzigartige Geräusche. Jeder Schritt bringt einen näher, um die vielfältigen Zusammenhänge eines Ökosystems zu sehen und zu verstehen.

eine echte Jägerin und Waldpädagogin, Elisabeth Schlemper, führt Schulklassen durch den Wald - Jagdfakten.at informiert

Ich fordere die Kinder auf, ein Stück Holz aus dem verfaulten Wurzelstock zu nehmen und in den Fingern zu zerdrücken. „Seid ihr plötzlich so stark geworden, oder was ist passiert, dass ihr das Holz einfach so zerdrücken könnt?“. Die Kinder begreifen nun, dass das was sie in Händen halten, nämlich einen toten Baum, später einmal zu einem Boden für einen neuen Baum wird. „Des zoag i dahoam a meiner Mama und meinem Papa!“, sind die Kinder überzeugt. „Schön, wenn das Wissen auch nach Hause getragen wird!“, denke ich mir.

Aus meinem Rucksack hole ich ein Stoffsäckchen hervor. Die Kinder dürfen der Reihe nach hineingreifen, etwas von dem weichen Inhalt herausnehmen und raten um was es sich dabei handelt. „Des riecht ja nach Schaf!“, ruft ein Schüler. „Richtig! Das hier ist Schafwolle! Und was machen wir damit?“, frage ich in die Runde. Die Kinder zucken mit den Schultern. Nach meiner Anleitung, beginnen sie die Terminaltriebe der jungen Tannen, in einem kleinen Areal, mit Schafwolle zu umwickeln. Ein Meer aus vielen kleinen Wollknäuel auf den Baumspitzen entsteht. Ich erkläre den Kindern die beiden Vorteile der Schafwolle. Denn einerseits meidet das Wild den Geruch des frischen Schaffetts und dient somit als kurzzeitiger Verbissschutz und zum anderen ist es für die Schülerinnen und Schülern nun offensichtlich wie viele kleine Bäume sich zwischen ihren Füßen befinden.

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… die Ausbildung zum Jäger in Österreich rund vier Monate dauert?

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„Haben die denn alle genug Platz um später einmal groß zu werden? Oder was passiert, wenn sie vorher alle angefressen werden?“- Wir sprechen noch einige Zeit über die Auswirkungen von Wildverbiss, Wildstände und Baummast. Dann knurren die ersten Mägen. Frischluft macht hungrig! Also gibt es Gelegenheit zum Jausnen, was für die Kinder im Freien immer eine Besonderheit ist. Verliert dann einer beim Zusammenpacken unabsichtlich ein Stück von einer Müsliriegelverpackung, wird er gleich vehement von den anderen darauf hingewiesen, den Müll mitzunehmen. Nach einem Sauberkeits-Check verlassen wir unseren gemeinsamen Jausenplatz und machen uns auf den Weg zur nächsten Station.

Gespannt stehen die Kinder im Kreis aufgestellt. Ich lege ihnen einen grünen Koffer in die Mitte und die Kinder dürfen sich all jene Utensilien herausnehmen, bei denen sie glauben, dass ein Jäger sie braucht. Die Lehrerin fungiert als Schaufensterpuppe und wird von den Kindern gekleidet. Die Lehrerin lacht und die Kinder holen zielstrebig einen Wetterfleck, Hut, Fernglas, eine Messer-Attrappe aus Holz, festes Schuhwerk, und allerlei andere Dinge. Ein Junge entdeckt das Gewehrfutteral in meiner Hand.

„Boah, ein Gewehr!“, ruft er. Es wird plötzlich ganz still und alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich gebe dem Jungen das Futteral mit dem unbekannten Inhalt und fordere ihn auf zu prüfen, was sich darin befindet. Alle sind angespannt und starren auf den Jungen mit der Tasche. Mühsam packt er einen länglichen Stock mit einer Lederfläche und runden Griffen aus. „Was ist das?“, geht ein unsicheres Raunen durch die Menge. Es ist ein Ansitzstock mit Sitzfunktion! Die Lehrerin ist erleichtert, die Kinder sind enttäuscht: „Und wo hast du dein echtes Gewehr?“, fragen sie hoffend, dass es womöglich den Vormittag lang im Kofferraum auf sie gewartet hat. „Zuhause im Waffenschrank. Ein Gewehr ist ein Werkzeug zum Töten und nicht zum Spielen! Um es führen zu dürfen, braucht man eine eigene Prüfung!“.

„Hast du schon einmal ein Tier erschossen?“. fragt mich ein Mädchen. Ich erzähle ihnen von meinen jagdlichen Erlebnissen und der Dankbarkeit, die ich empfinde, wenn ich ein Stück Wild erlegen darf. Gemeinsam sprechen wir noch über Jagdprüfung, Jagdsysteme und die Notwendigkeit der Jagd. Alle Schülerinnen und Schüler dürfen Fragen stellen, die ich ihnen kindgerecht beantworte. Die Kinder können meine Erklärungen nach unserem Lokalaugenschein im Wald merklich leichter verstehen. „Wer von Euch isst gerne Würstl?“, frage ich in die Runde. Die meisten Kinder heben die Hand. Wir sind uns einig, dass Wildbret aus der Region eine Fleischkost mit gutem Gewissen ist. Ich merke, dass die Lehrerin langsam Hunger bekommt.

Zum Abschluss nun die versprochene und langersehnte Überraschung. In die Mitte unseres Kreises lege ich verschiedene Präparate und Schädel von Schalenwild und Raubwild, sowie Federn, getrocknete Losung, Gewölle, Bestimmungsbücher und Sonstiges aus der privaten Sammlung. Die Kinder dürfen alles angreifen, stellen Fragen und entdecken die kleinen Details und staunen:

  • Wie groß der Hirsch verglichen mit dem Rehbock ist!
  • Welch dicke Muskeln auf den Schädel des Dachses passen!
  • Wie viele Knochen im Gewölle des Kauzes zu finden sind!
  • Und wie weich die Winterdecke von Fuchs und Reh ist! – Die legen sich die Kinder dann gerne um den Hals und posieren damit.

Der Augenblick für die Lehrerin ein paar letzte Erinnerungsfotos zu machen. Wie immer ist die Zeit viel zu schnell vergangen und ich könnte noch stundenlang erzählen. Die Kinder sind geschafft und glücklich. Die Lehrerin ebenso. Zur Verabschiedung stelle ich den Kindern immer die gleiche Frage: „Ich hoffe es hat euch Spaß gemacht? Und ihr hattet nicht nur Spaß, sondern habt auch was gelernt!?“. „Jaaaaa!“, schreien die Kinder zufrieden. Ich habe wohl mein Ziel erreicht. Dann bin auch ich glücklich.

Autorin:

Elisabeth Schlemper, MSc.Elisabeth Schlemper, MSc.

Elisabeth Schlemper ist Wildbiologin, Jagd- und Waldpädagogin, Mediatorin und Landwirtin. Die Umweltbewusstseinsbildung liegt ihr sehr am Herzen und die Jagd ist dabei ein für sie ganz wesentlicher Teil des Ganzen. 

UNSERE
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Bildquellen für diesen Beitrag: Jagdfakten.at/Dieter Nagl /TJV/ W.D. Schlemper

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