
Wild auf Wein
Wenn Wild im Weingarten auf den Geschmack kommt, kann das zu erheblichen Schäden führen:
Winzer und Jäger Willi Sattler aus der Südsteiermark erklärt, wie Wild und Weinbau trotzdem zusammenpassen.
WILD im
WEINGARTEN
Nein, Winzer und Wildtiere haben wirklich nicht viel gemeinsam. Bis auf eine Sache, und die ist dann doch von größter Bedeutung: Beide erfreuen sich an einem prächtig gedeihenden Weingarten. Wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise: Was für den Winzer Grundlage all seines Tuns ist, ist für das Reh eine besonders attraktive Mahlzeit.
„Das ist nicht so wie eine Kuh, die Heu frisst oder grobes Gras, oder wie Rotwild, das auch weniger wählerisch ist – Rehe wollen immer nur das Feinste“, sagt Willi Sattler. Als einer der prägenden Winzer des südsteirischen Weinbaus weiß Sattler, wovon er spricht: Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich auf seinem Weingut „Sattlerhof“ in Gamlitz mit diesem Spannungsfeld zwischen Wild und Weinbau. Viele seiner Weingärten grenzen – wie so oft in der Südsteiermark – an Mischwälder. Der Umgang mit Wild gehört also unmittelbar zum Weinbau dazu. Willi Sattler kennt das Spannungsfeld aus beiden Perspektiven: als Winzer und als Jäger.
Was zieht das Wild in den Weingarten?
Rehe sind sogenannte Konzentratselektierer. Sie ernähren sich bevorzugt von leicht verdaulichen, nährstoffreichen Pflanzenteilen wie Knospen und jungen Trieben. Genau diese stehen im Frühjahr im Weingarten reichlich zur Verfügung – und sind für den Winzer zugleich besonders wertvoll. Wenn Rehe daher im Frühjahr die frischen Triebspitzen abfressen, geht es nicht nur um ein paar abgeknabberte Pflanzen: „Wenn die Rehe hier ungestört äsen würden, dann ist die Ernte weg“, macht Sattler klar. Und doch: Als Jäger und Winzer in Personalunion bedeutet Jagd für Willi Sattler nicht, den Wildbestand möglichst weit von den Weingärten fernzuhalten, sondern dort anzusetzen, wo der Konflikt tatsächlich entsteht.
„Gute Jagd funktioniert so, dass man primär versucht, die Wild- und Rehbestände dort schwerpunktmäßig zu regulieren, wo der Schaden am größten ist.“ Bedeutet konkret: Im rund 750 Hektar großen Revier in und rund um Sattlers Weingärten werden jährlich mehr als 50 Rehe erlegt, der Abschussplan sieht 55 Stück vor. Das liegt auch daran, dass die Jagd bei den Sattlers nur ein Teil der Strategie ist.
Wie schützt man den Weingarten vor Wildverbiss?
Die besonders gefährdeten Weingärten sind eingezäunt – allerdings nicht, um Rehe vollständig auszuschließen. „Ein Zaun ist nie ein hundertprozentiger Schutz vor Rehen. Man verringert aber dadurch den Druck“, so Sattler. Mit einem etwa 1,70 Meter hohen Zaun lässt sich die Zahl der eindringenden Tiere deutlich reduzieren: „Wenn du keinen Zaun hättest, dann würden 20 Rehe drinnen stehen. Und wenn du einen Zaun hast, sind es halt zwei oder drei.“
Sattler betont, wie entscheidend das Äsungsangebot auch außerhalb des Weingartens ist. Die Wälder rund um die Weingärten sind überwiegend naturnahe Mischwälder, an deren Rändern Brombeeren und andere niedrig wachsende Pflanzen reichlich Äsung liefern. Ein artenreicher Lebensraum kann damit helfen, den Druck auf die Weinflächen zu reduzieren: Das Reh muss nicht in den Weingarten, um ausreichend Nahrung zu finden.
Und dort, wo es trotzdem hineingelangt, schützt Sattler seine Reben zusätzlich mit Hagelnetzen. „Sind die Hagelnetze eng an die Reben gespannt, ist der Wildschaden in Kombination mit den anderen Maßnahmen in der Regel zu vernachlässigen.“
Ganz verhindern lässt sich der Verbiss aber nicht. Und das muss auch gar nicht so sein, betont Sattler. „Die Jagd hat die Aufgabe, ein ökologisches Gleichgewicht zu erhalten. Man muss schauen, dass dieser Ausgleich zwischen Wildbestand und Weingarten funktioniert. Außerdem haben wir ja auch etwas vom Wild, das wir erlegen.“
Wild und Weingarten muss kein Gegeneinander sein
Für Sattler ist der Umgang mit Wild Teil eines größeren Kreislaufs: Regulierung, Schutzmaßnahmen und ein guter Lebensraum außerhalb der Weingärten gehen hier mit der unmittelbaren Verwertung des Wildbrets einher.
„Bei uns geht das Allermeiste in unser Restaurant direkt am Weingut, das ist für unsere Gäste eine wertvolle Erfahrung: Nicht nur der Wein kommt direkt von hier, sondern auch der allergrößte Teil des Fleischs. Und das eine oder andere Tier hat sich dabei auch von unseren Trauben ernährt“, so Sattler augenzwinkernd.
Fest steht: Wo Wild und Landwirtschaft so unmittelbar aufeinandertreffen, lässt sich der Konflikt nicht einfach wegregeln. Es geht vielmehr darum, ihn in ein funktionierendes System zu integrieren. Mit einer angepassten Wilddichte, gezieltem Schutz der Kulturen und einem Lebensraum, der den Tieren auch abseits der Reben ausreichend Nahrung bietet.
Wer mit jemandem wie Willi Sattler in dieses Thema eintaucht, versteht bald: Wild und Weingarten, das muss kein unversöhnliches Gegeneinander sein. Es kann auch ein dankbares Miteinander sein. Vor allem dann, wenn der Winzer auch Jäger ist.
Wild im Weingarten: So hält Willi Sattler den Konflikt klein
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Weiterführende Links:
Beispiele zwischen Wild und Wein aus dem niederösterreichischen Donnerskirchen
Bildquellen für diesen Beitrag: © Sattlerhof | © Robert Herbst | © Pixabay
Autor für diesen Beitrag: L. Palm / Jagdfakten.at
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