Jagdmuseum Schloss Stainz, Falknerei: Die Jagd im Wandel der Zeit - Jagdfakten.at informiert

Von der Pirsch über die höfische Prunkjagd bis zu Wärmebildtechnik und Wildtiermanagement: Die Geschichte der Jagd erzählt viel über gesellschaftliche Veränderungen, technischen Fortschritt und unser Verhältnis zur Natur. Mag. Barbara Müller, Leiterin der Museen in Schloss Stainz, über alte Jagdtechniken, neue Maßstäbe und die Frage, was wir aus der Vergangenheit lernen können.

Die Jagd im Wandel der Zeit

Gespräch mit Mag. Barbara Müller, Leiterin der Museen in Schloss Stainz

Jagd ist weit mehr als das Erlegen von Wild – und so war es in gewisser Weise schon immer. Über Jahrhunderte spiegelten sich in ihren Techniken gesellschaftliche Hierarchien, technische Entwicklungen und das jeweilige Verständnis von Natur. Was einst Nahrungsbeschaffung, herrschaftliches Privileg oder repräsentatives Ereignis war, ist heute eng mit Tierschutz, Wildtiermanagement und Lebensraumverantwortung verbunden.

Mag. Barbara Müller, Kunsthistorikerin und Volkskundlerin, leitet seit 2025 die Museen in Schloss Stainz mit Jagdmuseum, Landwirtschaftsmuseum und Erzherzog Johann Museum. Im Gespräch zeichnet sie nach, wie sich Jagd und Jagdkultur in Österreich verändert haben.

Frau Müller, wenn wir auf die Geschichte der Jagd in Österreich blicken: Welche traditionellen Jagdtechniken haben die Jagdkultur hierzulande besonders geprägt?

Jagdmuseum Schloss Stainz, Falknerei: Die Jagd im Wandel der Zeit - Jagdfakten.at informiert
Jagdmuseum Schloss Stainz, Falknerei
Foto: Universalmuseum Joanneum – N. Lackner

Die Jagdkultur Österreichs wurde von unterschiedlichen Techniken geprägt. Pirsch und Ansitz gewannen besonders im 18. und 19. Jahrhundert mit präziseren Jagdwaffen an Bedeutung. Die Pirsch wurde vor allem in alpinen Regionen charakteristisch, der Ansitz ist bis heute weit verbreitet. Auf eine jahrhundertealte Tradition gemeinschaftlicher Jagd gehen Riegel- und Drückjagden zurück.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war die Beizjagd mit Greifvögeln bedeutend; die Falknerei wurde 2010 in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Zur höfischen Jagdkultur gehörten Hetz- und Parforcejagden mit Hunden. Daneben waren Fallen, Netze und Fußangeln zur Jagd auf Niederwild verbreitet. Eine Bilderserie des österreichischen Malers Johann Veit Hauckh aus den Jahren 1728–1730 im Jagdmuseum Schloss Stainz vermittelt eindrucksvoll die damalige Jagdpraxis in der Steiermark.

Von Überlebensstrategie zur Jagdkultur

Welche Rolle spielte die Jagd früher im ländlichen Raum – war sie eher Überlebensstrategie, Herrschaftsprivileg, Handwerk oder bereits Teil einer Kultur?

Die Jagd war all das – allerdings nicht für alle Menschen gleichermaßen. Ursprünglich sicherte sie das Überleben und konnte für die bäuerliche Bevölkerung eine willkommene Ergänzung des Speiseplans sein. Im Mittelalter wurde die Jagd zunehmend zum Vorrecht des Adels und war eng mit dem Grundbesitz verbunden. Wer jagen durfte, war daher auch eine Frage von Macht und sozialem Rang. Gleichzeitig entstand mit dem Berufsjägertum ein anspruchsvolles Handwerk, das spezielles Wissen über Wild, Wald und Jagdtechniken erforderte. Aus der herrschaftlichen und später bürgerlichen Jagd entwickelte sich eine eigene Jagdkultur mit Bräuchen, Jagdmusik, Kleidung und einer besonderen Sprache, die bis heute lebendig ist und gepflegt wird.

Viele Menschen denken bei historischer Jagd an Treibjagden, Fallen, Beizjagd oder frühe Feuerwaffen. Welche Methoden sind aus heutiger Sicht besonders spannend, weil sie viel über die jeweilige Zeit erzählen?

Besonders spannend sind jene Jagdformen, die weit mehr erzählen als nur vom Erlegen eines Tieres. Die Beizjagd etwa war Ausdruck höfischer Kultur und erforderte großes Wissen über Greifvögel. Aufwendig inszenierte Treibjagden zeigten Macht und gesellschaftliche Ordnung, während einfache Fallen oder Schlingen den Alltag jener Menschen widerspiegeln, die auf Wild als Nahrungsquelle angewiesen waren. Historische Feuerwaffen dokumentieren den technischen Fortschritt: Vom Luntenschloss führten immer zuverlässigere Zünd- und Ladesysteme über Radschloss, Steinschloss und Perkussionsgewehr schließlich ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu Hinterladesystemen mit Patronen. Im Jagdmuseum Schloss Stainz lässt sich diese Entwicklung anhand originaler Exponate besonders anschaulich nachvollziehen.

Jagdmuseum Schloss Stainz: Steinschlossgewehr, Werkstatt Jos. Knogl in Graz um 1780; Jagdfakten.at informiert
Jagdmuseum Schloss Stainz, Steinschlossgewehr, Werkstatt Jos. Knogl in Graz um 1780, Foto: Universalmuseum Joanneum – N. Lackner
Jagdmuseum Schloss Stainz, Steinschlossgewehr, Werkstatt Jos. Knogl in Graz um 1780; Jagdfakten.at informiert
Jagdmuseum Schloss Stainz, Steinschlossgewehr, Werkstatt Jos. Knogl in Graz um 1780, Foto: Universalmuseum Joanneum – N. Lackner
Jagdmuseum Schloss Stainz, Radschlossgewehr um 1620 - Jagdfakten.at informiert
Jagdmuseum Schloss Stainz, Radschlossgewehr um 1620, Foto: Universalmuseum Joanneum – N. Lackner

Welche traditionellen Jagdtechniken haben sich bis heute erhalten und wo wurden sie durch moderne Ausrüstung, gesetzliche Vorgaben oder ein anderes Naturverständnis abgelöst?

Grundlegende Jagdformen wie Pirsch, Ansitz oder Bewegungsjagd werden bis heute ausgeübt. Sie folgen jedoch klaren gesetzlichen Vorgaben und orientieren sich an den Grundsätzen der Weidgerechtigkeit sowie des Tierschutzes. Jagdmethoden, die erhebliches Tierleid verursachen können, sind heute vielfach verboten. Dazu zählen etwa Schlingen, Abzug- und Abtritteisen sowie andere tierquälerische Fangvorrichtungen. Moderne Optiken, präzisere Waffen und umfangreiche Kenntnisse über Wildbiologie ermöglichen eine gezieltere und tierschutzgerechtere Jagdausübung. Damit hat sich nicht nur die Technik, sondern auch das Verständnis der Verantwortung gegenüber Wild und Lebensraum grundlegend verändert.

Wie haben technische Entwicklungen – von der Waffe über Optik bis zur heutigen digitalen Unterstützung – die Jagdpraxis verändert?

Die Entwicklung der Jagdwaffen veränderte die Jagdpraxis grundlegend. Auf Speere und Bögen folgten Feuerwaffen, mit denen größere Distanzen überwunden werden konnten. Der Übergang vom Vorderlader zum Hinterlader und die Patronenmunition im 19. Jahrhundert erhöhten Präzision, Reichweite und Schnelligkeit. Auch die Optik entwickelte sich von der offenen Visierung zu Zielfernrohren, die präziseres Zielen auf größere Distanzen ermöglichten. Ferngläser erleichterten die Beobachtung und das sichere Ansprechen. Nachtsicht- und Wärmebildtechnik sowie digitale Revierkarten, GPS und Wildkameras markieren den jüngsten Technologiesprung.

„Technik erweitert die Möglichkeiten der Jagd, ersetzt aber nicht Erfahrung und Wissen über Wild, Lebensraum und Verhalten.“

Erzherzog Johann als Jäger - Lithografie von Weixelgärtner; Jagdfakten.at informiert
Erzherzog Johann als Jäger, Lithografie von Weixelgärtner, Foto: Universalmuseum Joanneum Neue Galerie
Erzherzog Johann am Hochschwab, Ölgemälde von Johann Huber (nach Johann Peter Krafft) 1839 - Jagdfakten.at informiert
Erzherzog Johann am Hochschwab, Ölgemälde von Johann Huber (nach Johann Peter Krafft) 1839, Foto: Universalmuseum Joanneum J. Koinegg

Die Jagd im schrittweisen Wandel der Zeit

In Österreich ist Jagd heute stark mit Verantwortung, Wildtiermanagement und Naturschutz verbunden. Wann begann dieser Wandel weg von der reinen Nutzung hin zu einem vermehrt ökologischen Verständnis?

Der Wandel vollzog sich schrittweise. Bereits im 18. und frühen 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Wildbestände nicht unbegrenzt genutzt werden können. Eine wichtige Persönlichkeit war Erzherzog Johann, der seine Leidenschaft für die Jagd mit einem für seine Zeit bemerkenswerten Naturverständnis verband und auf Hege, Schonmaßnahmen und eine nachhaltige Nutzung des Wildes setzte.

Das Jagdpatent von 1849 markierte einen wichtigen Schritt bei der Neuordnung des Jagdwesens, indem das Jagdrecht an den Grundbesitz gebunden wurde. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Jagd zunehmend zu einer wissenschaftlich begründeten Hege. Seit den 1970er-Jahren gewannen schließlich Wildökologie, Lebensraumschutz und ökologische Zusammenhänge immer stärker an Bedeutung.

Welche Rolle spielten regionale Unterschiede in Österreich? Wurde in alpinen Regionen anders gejagt als etwa in Auwäldern, im Hügelland oder in landwirtschaftlich geprägten Gebieten?

Absolut, die Landschaft bestimmte die verwendete Jagdmethode wesentlich. Im hochalpinen Gelände erforderte die Jagd auf Gämse und Steinwild eine anspruchsvolle Pirsch im Gebirge, bei der gute Ortskenntnis und Trittsicherheit gefragt waren. In unwegsamen Auwäldern und Flusslandschaften dominierten historisch die Wasserwildjagd sowie aufwendige Treibjagden im dichten Unterholz. Im sanften Hügelland boten sich Ansitz- und Treibjagden an. In offenen Agrarräumen im Osten wiederum inszenierte der Adel herrschaftliche Gesellschaftsjagden auf Niederwild wie Hase, Fasan und Rebhuhn. Auch die Beizjagd erlebte in diesen weiten Landschaften ihre Blüte.

Jagdfakten.at gibt Einblicke in das Jagemuseum Schloss Stainz
Jagdmuseum Schloss Stainz, Ausstellungsansicht mit Gemälden der Fürstlich Schwarzenbergischen Kunststiftung, Foto: UMJ N. Lackner
Jagdfakten.at gibt Einblicke in das Jagdmuseum Schloss Stainz - Die Jagd im Barock
Jagdmuseum Schloss Stainz, Die Jagd im Barock, Ausstellungsansicht, Foto: UMJ N. Lackner
Jagdmuseum Schloss Stainz, Bürgerliche Jagd - Jagdfakten.at informiert über die Jagd im Wandel der Zeit
Jagdmuseum Schloss Stainz, Bürgerliche Jagd, Ausstellungsansicht, Foto: Universalmuseum Joanneum N. Lackner

Wie haben sich die ethischen Maßstäbe der Jagd verändert, etwa im Hinblick auf Weidgerechtigkeit, Tierschutz und den Respekt vor dem Wild?

Der Begriff „weidgerecht“ bedeutete im Mittelalter zunächst, das jagdliche Handwerk fachgerecht zu beherrschen. Bei den barocken Prunkjagden des Adels standen Jagderfolg und gesellschaftliches Prestige stärker im Vordergrund als eine möglichst schnelle und schonende Tötung des Tieres. Ein moderner Tierschutzgedanke spielte dabei keine Rolle. Erst ab dem späten 19. Jahrhundert entwickelte sich zunehmend ein verantwortungsvollerer Umgang mit dem Wild. Erzherzog Johann verkörperte dieses neue Verständnis früh als besonders weidgerechter Jäger. Heute ist die moderne Weidgerechtigkeit als ethischer Kodex und unbestimmter Rechtsbegriff in den Landesjagdgesetzen verankert. Sie verbindet Tierschutz, ökologischen Naturschutz und gesellschaftliche Verantwortung.

Jagdmuseum Schloss Stainz

Wenn Besucherinnen und Besucher ins Jagdmuseum Schloss Stainz kommen: Welche Objekte oder Themen eignen sich besonders gut, um den Wandel traditioneller Jagdtechniken sichtbar zu machen?

Im Jagdmuseum Schloss Stainz lässt sich der Wandel besonders gut über die Themenräume nachvollziehen, die verschiedene Epochen und damit unterschiedliche Vorstellungen von Jagd zeigen: In der Steinzeit steht der Nahrungserwerb im Mittelpunkt, im Barock Unterhaltung und Repräsentation, während die Romantik die Jagd zur schwärmerischen Naturerfahrung verklärt.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich der Wandel anhand konkreter Objekte: Speerschleuder, Hirschfänger, Saufeder, Armbrust und höfische Prunkwaffen veranschaulichen historische Jagdtechniken. Exponate zur Fallenstellerei sowie zur Lock- und Rufjagd zeigen weitere traditionelle Formen des Jagens. Die „Kehlheimer Platte“ aus dem 16. Jahrhundert und die Gemälde des steirischen Barockmalers Johann Veit Hauckh (1663–1746) dokumentieren historische Jagdformen der Steiermark. Die monumentalen Jagdstücke von Johann Georg de Hamilton (1672–1737) zeigen die Hatz auf heimisches Wild und die Bedeutung der Jagdhunde als Jagdhelfer.

Schloss Stainz, Jagdfakten.at informiert
Schloss Stainz, Foto: C. Freydl
Die Jagd im Wandel der Zeit - Jagdfakten.at gibt Einblicke in das Jagemuseum Schloss Stainz
Jagdmuseum Schloss Stainz,
Foto: Universalmuseum Joanneum N. Lackner
Jagdmuseum Schloss Stainz - Armbrust 16. Jahrhundert; Jagdfakten.at informiert
Jagdmuseum Schloss Stainz, Armbrust 16.-Jahrhundert,
Foto: Universalmuseum Joanneum – N. Lackner

Was kann der Blick in die Vergangenheit heutigen Jägerinnen und Jägern, aber auch jagdkritischen Menschen, über den verantwortungsvollen Umgang mit Wild und Lebensräumen vermitteln?

Geschichte liefert keine einfachen Antworten – sie hilft aber, Entwicklungen besser zu verstehen. Die Jagd war immer eng mit den Bedürfnissen und Wertvorstellungen ihrer Zeit verbunden und hat sich ständig verändert.

Moderne Jagd bedeutet weit mehr als das Erlegen von Wild. Sie umfasst Verantwortung für Lebensräume, Artenvielfalt und die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen.

Gerade dieser historische Blick kann dazu beitragen, den Dialog zwischen Jägerinnen und Jägern sowie jagdkritischen Menschen sachlicher und verständnisvoller zu gestalten.

Abbildung aus dem Jagdmuseum Schloss Stainz,
Foto: Universalmuseum Joanneum – N. Lackner

UNSERE
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Bildquellen für diesen Beitrag: © Jagdmuseum & Museen in Schloss Stainz – N. Lackner, J. Koinegg | © Schloss Stainz – C. Freydl

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