Von der Vegetarierin zur Jägerin

Autorin: Elisabeth Schlemper, MSc

Elisabeth Schlemper ist Wildbiologin, Jagd- und Waldpädagogin, Mediatorin und Landwirtin.
Die Umweltbewusstseinsbildung liegt ihr sehr am Herzen und
die Jagd ist dabei ein für sie ganz wesentlicher Teil des Ganzen.

Die Jagd ist kein Hobby

Die Jagd ist eine Leidenschaft. So stehen zumindest die meisten Jäger zur Jagd. Und das ist auch gut so. Denn ohne Leidenschaft wären die Aufgaben der Jagd wohl unbezahlbar.  Gerade in Zeiten wie diesen fällt häufig der Begriff „systemrelevant“. Damit werden per Definition „Unternehmen oder Berufe bezeichnet, die eine derart bedeutende volkswirtschaftliche oder infrastrukturelle Rolle in einem Staat spielen, dass ihre Dienstleistung besonders geschützt werden muss“ (Wikipedia, 2020).

Da stellt sich nun die Frage:

  • Ist die Jagd systemrelevant?
  • Wäre es denkbar die Jagd abrupt für einige Zeit auszusetzen?
  • Gibt es Bereiche der Jagd die eine bedeutende volkswirtschaftliche oder infrastrukturelle Rolle spielen?

Beginnen wir mit Grundsätzlichem. Die Jägerschaft hat die Aufgabe gesetzeskonform zu handeln.  Alle Landesjagdgesetzte fordern sinngemäß dasselbe Ziel. Das sind der Erhalt eines gesunden und artenreichen Wildbestandes unter Berücksichtigung der land- und forstwirtschaftlichen Ziele.

Um diese Ziele zu erreichen, bedarf es einer langfristig terminierten Jagdplanung. Dies liegt im persönlichen Ermessen des jeweiligen Jagdausübungsberechtigten, aber stets im Rahmen der behördlichen Vorgaben. Gerade auf wildschadensanfälligen land- und forstwirtschaftlichen Flächen spielen langfristige Bewirtschaftungskonzepte eine wesentliche Rolle. Die Vorstellung, dass die Bejagung beispielsweise in einem Schutzwald entgegen der Jagdplanung ausgesetzt wird, würde zu fatalen Folgen führen:

  • Der Verbiss würde zunehmen.
  • Wald, der Objekt und Mensch vor Naturgefahren wie Steinschlag und Lawinen schützt, kann nicht mehr in ausreichendem Maße wachsen.
  • Die Schutzfunktion ist gefährdet.
  • Fichtenschlagflächen verursacht durch Borkenkäfer und Trockenheit bedürfen einer Wiederaufforstung.

Ohne eine schwerpunktmäßige Bejagung dieser Flächen würde eine standortgerechte Wiederbewaldung sehr lange dauern oder gar nicht möglich sein. Den nächsten Generationen fehlt der Ertrag. Das heißt, ohne Jagd kann der Wildbestand nicht dem Wachstumspotential der Zielbaumarten angepasst werden. Es kommt zum Verbiss der Jungbäume und in weiterer Folge ist unter Umständen das Leben von Menschen gefährdet.

Aber nicht nur der Mensch, sondern auch das Wildtier selbst kann bedroht sein. Durch den starken anthropogenen Einfluss in den Tallagen, hat man beispielsweise Rotwild in höhere Lagen verdrängt. Wild in winterlichen Hochlagen ist den Gang zur Fütterung gewohnt. Diese abrupt zu beenden, würde mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso Wildschäden an dem sensiblen Schutzwald bringen. Das heißt, ein konstantes Beschicken der Fütterung ist notwendig.

Auch in den Niederungen nehmen Schäden durch Schwarzwild in der Landwirtschaft zu. Hier bedarf es auch mehrerer Jäger und sogenannter Bewegungsjagden. Dabei versuchen sie mit einer gemeinsamen Jagdtechnik die Schwarzwildbestände zu reduzieren. Wildschäden in Ackerkulturen können so vermieden werden.

Ein weiterer Aspekt sind drohende und bereits ausgebrochene Wildkrankheiten. Auswirkungen betreffen hier sowohl das Wild an sich, als auch Nutztiere und den Menschen. Krankheiten wie beispielswiese die Afrikanische Schweinepest, Tuberkulose oder die Hasenpest bedürfen dringend eines jagdlichen Handelns. Besonders plakatives Beispiel ist die Schweinepest. Im Falle eines Ausbruchs drohen massive Eingriffe. Lokale Hausschweinbestände müssten aus Gründen der Seuchenprävention gekeult werden oder dürften nicht mehr in den Verkehr gebracht werden.

Gerade die Jägerschaft hat durch ihre Präsenz in Wald und Flur eine wichtige Kontrollfunktion. Sie ist ausgebildet, um gesundheitliche Veränderungen an lebendem oder totem Wild zu erkennen und an die Behörden zu melden. Die Jägerschaft sorgt hier für Monitoring. Die Erhebungen dienen zur Warnung der Bevölkerung und dem Setzen entsprechender Präventionsmaßnahmen. Durch eine Wildbestandsreduktion kann eine Krankheitsverbreitung hintangehalten werden. Ohne Kontrolle und Bejagung sind daher nicht nur Wildbestände, sondern auch Haus- und Nutztiere sowie der Mensch gefährdet.

Aber auch andere Situationen bedürfen eines unmittelbaren jagdlichen Handelns. Im Falle eines Wildunfalles wird vorschriftsmäßig der örtlich zuständige Jäger kontaktiert. Verliert das Wildtier nicht an Ort und Stelle sein Leben, bedarf es einer Nachsuche. Unabhängig von Tageszeit und Feiertag hat der Jäger den Auftrag das kranke Wild aufzuspüren und zu erlösen. Dies wohl auch aus ethisch-moralischen Gründen.

Und zu guter Letzt steht es den Jägern nicht frei, zu schießen was sie wollen. Jeder österreichische Jäger hat den behördlichen Abschussplan zu erfüllen. Darin ist die Mindestanzahl der zu erlegenden Individuen einer Wildart in einem bestimmten Jagdgebiet erfasst. Diese Vorgaben beziehen sich auf ein Jagdjahr. Durch eine durchdachte Jagdstrategie können effektiv und möglichst störungsfrei die Abschusszahlen erreicht werden. Alles im Sinne der gesetzlichen Anforderungen.

Im Falle einer abrupten Zwangspause, könnte vielerorts der Abschussplan nicht mehr erreicht werden. Wildschäden würden steigen. Die Frage ist, ob und wer dann für diese monetär aufkommen würde. Denn prinzipiell zahlt der Jagdausübungsberechtigte für die verursachten Schäden in seinem Revier. Wer aber kommt den Zahlungen nach, wenn dem Jäger die Bejagung verwehrt würde?

Wussten Sie, dass
… die Jagd rund eine Milliarde Euro zur jährlichen Wirtschaftsleistung Österreichs beiträgt?

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Die Vermeidung von Wildschäden ist ein wesentlicher Auftrag der Jagdwirtschaft. Im Feld ist es die Sicherung unserer Lebensmittelproduktion. Im Wald ist es die Produktion von Holz, die Vermeidung von Naturgefahren und vieles mehr. Ein ebenso wichtiger Aspekt ist die Gesunderhaltung des Wildbestandes beziehungsweise die Vermeidung von Krankheiten durch eine Wildbestandskontrolle und -reduktion.

Die Jagd ist kein Hobby. Dieser Satz zielt auf die hohe Verantwortung der jagdlichen Aufgaben ab. Besonders auf jene verantwortungsvollen Aufgaben, die die Jagdwirtschaft systemrelevant machen. Zweifelsohne nimmt die Jagd auch Formen der Erholungs- und Freizeitgestaltung an. Einen einzelnen Rehbock oder Hirsch zu erlegen, kann zwar nachhaltig sein, wird aber meist keine bedeutende Systemrelevanz haben – bei der Jagd steht jedoch nicht der einzelne Abschuss, sondern der Überblick über das große Ganze im Vordergrund.

Die Notwendigkeit der beschriebenen Maßnahmen, ob durch Leidenschaft in der Freizeit oder durch behördliche Organe durchgeführt, liegt auf der Hand. Die ehrenamtlichen Tätigkeiten sind darüber hinaus eine unentgeltliche Leistung der Jägerschaft gegenüber der Gesellschaft.

Bei der jagdlichen Ausübung gibt es eben eine Vielzahl an Bereichen, die ein zeitlich uneingeschränktes Tun bedürfen. Ja, die Jagd ist systemrelevant – wenn sie richtig und verantwortungsvoll ausgeübt wird.

Autorin:

Elisabeth Schlemper, MSc.

Elisabeth Schlemper ist Wildbiologin, Jagd- und Waldpädagogin, Mediatorin und Landwirtin. Die Umweltbewusstseinsbildung liegt ihr sehr am Herzen und die Jagd ist dabei ein für sie ganz wesentlicher Teil des Ganzen. 

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Bildquellen für diesen Beitrag: Jagdfakten.at/Dieter Nagl /TJV/ W.D. Schlemper

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