
Was Forschung am Wilhelminenberg für die Jagdpraxis leistet
Das Wiener Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie (FIWI) ist nicht nur eine international anerkannte Forschungseinrichtung. Es bietet der Jägerschaft konkrete Dienstleistungen, untersucht Wildtierkrankheiten und liefert wissenschaftliche Grundlagen für Managemententscheidungen. Institutsleiterin Univ.-Prof. Dr. Claudia Bieber erklärt, wie eng Forschung und Jagdpraxis miteinander verbunden sind.
FIWI-LEISTUNGEN
für Jäger
2027 feiert das Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien sein 50-jähriges Bestehen. In den letzten Jahrzehnten hat sich das FIWI am Wilhelminenberg als international bedeutender Standort etabliert.
Im Mittelpunkt stehen die Bedürfnisse und das Verhalten von Wildtieren in ihren ökologischen Zusammenhängen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse schaffen wissenschaftliche Grundlagen für Natur-, Arten- und Umweltschutz sowie für eine nachhaltige Nutzung von Landschaften. Zugleich erbringt das FIWI konkrete Dienstleistungen für die Jägerschaft und arbeitet mit ihr bei der Überwachung der Wildtiergesundheit zusammen.
Was bietet das FIWI Jägern?
5 Leistungen im Überblick:
- 1
Zahnschliffe für Altersbestimmung beim Rotwild
- 2
Pathologische Untersuchungen zur Klärung von Wildtierkrankheiten
- 3
Forschungsprojekte für ein wissenschaftlich fundiertes Wildtiermanagement
- 4
Verbindung zwischen Revierpraxis und Wissenschaft als Basis für tragfähige Entscheidungen
- 5
Zusammenarbeit: Proben aus den Revieren < > Diagnosen, wissenschaftlich fundierte Daten und Erkenntnisse vom FIWI
1. Zahnschliffe schaffen Klarheit über das Alter beim Rothirsch
Wie alt war ein erlegter Hirsch tatsächlich?
Bei Grenzfällen zwischen Altersklassen reichen die Beurteilung des Körperbaus, des Geweihs und der Zahnabnutzung nicht immer aus. Das FIWI bietet deshalb eine genaue Altersbestimmung anhand der Zahnschliffmethode nach Mitchell an. Diese ist ausschließlich für Rotwild geeicht und ermöglicht daher bei anderen Schalenwildarten keine verlässliche Altersangabe.
Für die Untersuchung wird der erste Molar aus dem Unterkiefer entnommen und mittels Präzisionstrennmaschine mit Diamanttrennscheibe in hauchdünne Scheiben geschnitten. Im Zahnzement lagern sich im Laufe des Lebens helle Sommer- und dunkle Winterlinien ab. Ähnlich den Jahresringen eines Baumes können diese unter dem Mikroskop ausgezählt werden. Die Beurteilung erfolgt nach dem Vier-Augen-Prinzip.
Die Zahnschliffanalyse stellt ein besonders objektives Verfahren zur Bestimmung des tatsächlichen Alters von Rotwild dar. Sie kann bei Unklarheiten im Zuge der Abschussbewertung helfen und ermöglicht Jägerinnen und Jägern zugleich, die eigene Altersansprache zu überprüfen. Verantwortlich für die Durchführung und Befundung am FIWI ist die Wissenschaftlerin Larissa Bosseler sowie der Wissenschaftler Aldin Selimovic.
2025 wurden am FIWI 181 Zahnschliffe untersucht, davon 164 von Rotwild. Nicht jeder Zahn ist jedoch auswertbar: Bei manchen Stücken sind die Zementlinien nicht eindeutig voneinander zu unterscheiden.
Die Analyse ersetzt somit nicht die Erfahrung im Revier. Sie ergänzt diese um eine wissenschaftlich fundierte Kontrolle und schafft eine über Jahre vergleichbare Grundlage für die Rotwildbewirtschaftung.
Die Kosten für eine Zahnschliffanalyse liegen bei rund 70 Euro. Die Zeit, bis man das Ergebnis erhält, beträgt etwa zwei Wochen.
2. Die Pathologie klärt Krankheits- und Todesursachen bei Wildtieren
Wildtierkrankheiten frühzeitig erkennen.
Auffällige Veränderungen an erlegtem Wild oder ungeklärte Fallwildfunde können auf Verletzungen, Parasitenbefall oder Infektionskrankheiten hinweisen. Bei Verdacht auf eine anzeigepflichtige Tierseuche – insbesondere bei tot aufgefundenem Schwarzwild – sind jedoch zunächst die vorgeschriebenen behördlichen Melde- und Untersuchungswege einzuhalten.
Die Wildtierpathologie des FIWI untersucht überbrachte verendete oder erlegte Wildtiere mit unterschiedlichen diagnostischen Verfahren. So lassen sich Krankheits- und Todesursachen feststellen sowie bekannte und neu auftretende Erkrankungen erkennen. Besonderes Augenmerk gilt dabei Zoonosen, also Krankheiten, die zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können.
Welche Bedeutung diese Arbeit hat, zeigte etwa 2025 der Ausbruch der Myxomatose bei Feldhasen. Am 26. März vergangenen Jahres wurde die Infektion erstmals bei einem Feldhasen in Österreich nachgewiesen. Im Zusammenhang mit dem Ausbruch untersuchte das FIWI allein 282 Hasen aus Niederösterreich; bei 234 Feldhasen wurde Myxomatose bestätigt. Bei den eingesandten Tieren wurden außerdem Tularämie und Brucellose sowie vereinzelt weitere Erkrankungen festgestellt. Manche Feldhasen waren gleichzeitig von mehreren Krankheiten betroffen.
Das Spektrum der Pathologie reicht weit über dieses Ausbruchsgeschehen hinaus. Untersucht werden Erkrankungen und Parasiten unterschiedlichster Wildarten – beispielsweise der Amerikanische Riesenleberegel bei Rotwild oder der Fuchsbandwurm.
Insgesamt wurden 2025 am FIWI 1.465 Tierkörper beziehungsweise Organproben pathologisch beurteilt, davon etwa österreichweit Rotwild (52), Rehwild (29), Muffelwild (2), Gamswild (16), Fuchs (112), Feldhasen (395), Vögel (140) und mehr. Die Ergebnisse helfen, Veränderungen im Auftreten von Wildtierkrankheiten frühzeitig zu erkennen, und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Krankheitsüberwachung im Sinne des One-Health-Ansatzes.
Die Zahlen stammen aus dem FIWI-Jahresbericht 2025, Seite 21.
Sie möchten Fallwild untersuchen lassen?
Hier die wichtigsten Kontaktdaten und Informationen:
- Leitung Pathologie: Anna Kübber-Heiss
- Annahmestelle: Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Savoyenstraße 1, 1160 Wien
- Fallwildübernahme: Montag bis Freitag, 8 bis 16 Uhr
- Kontakt: Helmut Dier
- Telefon: +43 1 25077-7160
- Begleitschreiben: Das erforderliche Formular steht auf der FIWI-Website >> zum Download bereit.
- Vor der Überbringung: Eine telefonische Abstimmung mit dem Institut ist empfehlenswert.
- Bei Seuchenverdacht: Zunächst die vorgeschriebenen behördlichen Meldewege einhalten und den Tierkörper nicht eigenmächtig verbringen.
3. One Health: Wildtiergesundheit betrifft auch den Menschen
Gesundheit von Mensch, Tier und Ökosystem.
Klima- und Lebensraumveränderungen, Landnutzung, Umweltbelastungen und Krankheitserreger wirken sich auf die Gesundheit von Wildtierpopulationen aus. Veränderungen im Revier können dabei auch Hinweise auf Entwicklungen geben, die für andere Tiere und den Menschen relevant sind.
Jägerinnen und Jäger nehmen hier eine wichtige Rolle ein: Durch ihre regelmäßige Anwesenheit im Revier bemerken sie ungewöhnliches Verhalten, sichtbare Krankheitszeichen, Fallwild oder Auffälligkeiten an erlegten Stücken häufig frühzeitig. Meldungen und fachgerecht übermittelte Proben helfen, Erkrankungen zu erkennen und ihre Entwicklung über längere Zeiträume zu beobachten.
„One Health“ bedeutet, dass die Gesundheit von Mensch, Tier und Ökosystem untrennbar ist. Auswirkungen durch den Klimawandel aber auch Verlust von Habitaten und Ressourcenmangel führen zu Ungleichgewichten, die wiederum das Auftreten und Ausbreiten von Krankheiten erleichtern. Letztendlich erreichen Krankheiten dann auch den Menschen. Ein konkretes Beispiel für Jäger ist die Zoonosen-Prävention. Beim Fuchsbandwurm etwa bieten wir klare Empfehlungen. Ein wichtiger Praxistipp: Wer viel mit Wild arbeitet, sollte alle zwei Jahre einen spezifischen Bluttest beim Arzt verlangen – eine Stuhlprobe erfasst den Fuchsbandwurm im Menschen nicht, und man muss den Test oft explizit anfordern“, erklärt Institutsleiterin Claudia Bieber.
Die Zusammenarbeit schafft einen konkreten Mehrwert für beide Seiten: Die Jägerschaft liefert Beobachtungen und Proben aus den Revieren, das FIWI stellt Diagnosen, wissenschaftlich fundierte Daten und Erkenntnisse zur Wildtiergesundheit bereit.
Schon gewusst? One Health als Weltanschauung:
Der One-Health-Ansatz versteht die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt als zusammenhängendes System. An der Vetmeduni bildet dieses Denken eine wesentliche Grundlage. Das FIWI spannt dabei den großen Bogen zu den Wildtieren: Erkenntnisse aus Veterinärmedizin, Biologie, Ökologie und Naturschutz werden miteinander verbunden, um Wildtierkrankheiten und ihre Ursachen umfassend zu verstehen.
4. Forschung versachlicht schwierige Diskussionen
Ein zentraler Mehrwert des FIWI liegt in der Erhebung und Auswertung wissenschaftlicher Daten. Dazu gibt es spezielle Studien basierend auf Experimenten auf dem Gelände des FIWI, aber auch viele Freilandstudien, so Claudia Bieber. Einzelne Beobachtungen aus einem Revier können wertvoll sein, lassen sich aber nicht automatisch auf eine Region oder eine gesamte Wildtierpopulation übertragen. Erst systematisch erhobene Daten zeigen, welche Entwicklungen tatsächlich stattfinden.
Das FIWI untersucht mit einem interdisziplinären Team unter anderem:
- Wildtierbewegungen,
- Populationsentwicklung,
- Genetik,
- Biochemie,
- Physiologie,
- Krankheiten,
- Lebensraumnutzung
- und die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten.
Daraus entstehen belastbare Grundlagen für fachliche Diskussionen und Managementempfehlungen.
„Wir können fundierte, evidenzbasierte Daten für Diskussionen liefern und so zu Managementempfehlungen beitragen“, erklärt Claudia Bieber. Das FIWI versteht sich dabei als wissenschaftlich neutrale Einrichtung. Besonders bei emotional geführten Themen – etwa rund um große Beutegreifer, Wildtierfütterung, Freizeitnutzung oder die Entwicklung von Wildtierbeständen – können objektive Daten helfen, die Diskussion zu versachlichen.
5. Wissen fließt in beide Richtungen
Die Verbindung zwischen FIWI und Jägerschaft ist keine Einbahnstraße. Viele Untersuchungen wären ohne Proben, Beobachtungen und Daten aus den Revieren nicht möglich. Der FIWI-Jahresbericht 2025 hebt ausdrücklich die Zusammenarbeit mit der Jägerschaft beim Monitoring der Wildtiergesundheit hervor.
Gleichzeitig sollen die Ergebnisse nicht ausschließlich in wissenschaftlichen Fachpublikationen erscheinen. „Wir sind sehr bemüht, die Forschung, die wir betreiben, an die Jägerinnen und Jäger weiterzugeben“, betont Bieber. Dazu nutzt das FIWI Newsletter, Beiträge in Jagdzeitschriften, Vorträge, Veranstaltungen und persönliche Fachdiskussionen.
Auf der Website des Instituts finden sich populärwissenschaftliche Beiträge zu Themen wie Wildtierkrankheiten, Rotwildmanagement, Lebensraumnutzung, Klimawandel, Fuchsbandwurm oder Fibropapillomatose.
Auch das international renommierte Seminar am Wilhelminenberg steht Interessierten offen und kann teilweise online verfolgt werden. 2025 präsentierten dort Gastvortragende aus zehn Ländern aktuelle Forschungsergebnisse.
Damit profitieren beide Seiten voneinander: Die Jägerschaft bringt ihr Wissen aus den Revieren, langjährige Beobachtungen und Untersuchungsmaterial ein. Das FIWI wertet diese Informationen wissenschaftlich aus und trägt die gewonnenen Erkenntnisse wieder in die Praxis zurück.
Wissenschaft und Jagdpraxis als Partner
Das FIWI ist für Jägerinnen und Jäger Dienstleister, diagnostische Anlaufstelle, Forschungspartner und Wissensvermittler zugleich. Zahnschliffe schaffen Klarheit bei der Altersbestimmung, pathologische Untersuchungen klären Wildtierkrankheiten auf und langfristige Forschungsprojekte liefern Daten für ein wissenschaftlich fundiertes Wildtiermanagement.
Gerade in Zeiten rascher Veränderungen von Klima, Lebensräumen, Freizeitnutzung und Wildtiergesundheit wird die Verbindung zwischen Wissenschaft und Revierpraxis immer wichtiger. Tragfähige Entscheidungen entstehen dort, wo objektive Daten und die Erfahrung der Jägerschaft zusammengeführt werden.
UNSERE
LESE-EMPFEHLUNG
Bildquellen für diesen Beitrag: © Envato | © Michaela Landbauer (ML)
Autor für diesen Beitrag: M. Landbauer / Jagdfakten.at
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