Zecken - gut geschützt im Revier: Jagdfakten.at im Gespräch mit Dr. Michael Leschnik

Zecken sind längst kein reines Saisonthema mehr:

Für Jäger, Revierarbeiter und Hundehalter gehört das Risiko heute beinahe zum Alltag in der Natur – und zwar nicht nur im Wald, sondern auch auf Wiesen, auf kaum gemähten Flächen – von den Alpen bis in Augebiete.

ZECKEN
gut geschützt im Revier

Der Wiener Veterinärmediziner Dr. Michael Leschnik beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Zecken und den von ihnen übertragenen Krankheitserregern.

Im Gespräch erklärt der Experte, warum unsere heimischen Arten nach wie vor das Hauptproblem darstellen, weshalb man einen Hund deutlich besser schützen kann als einen Menschen und warum ein genauer Kontrollblick nach dem Reviergang sinnvoll, aber allein nicht ausreichend ist.

Herr Dr. Leschnik, sind Zecken heute tatsächlich fast das ganze Jahr über aktiv?

Ja, das stimmt. Zecken sind mittlerweile über weite Teile des Jahres aktiv. Verändert hat sich dabei allerdings weniger das Verhalten unserer heimischen Zeckenarten als vielmehr der Rahmen, in dem wir ihnen begegnen.

Und hat sich ihr Verhalten in den vergangenen Jahren verändert?
Bei den bei uns üblichen Zecken eigentlich nicht. Die heimischen Arten sind nach wie vor sogenannte Lauerjäger. Sie sitzen im Gras oder im Gebüsch und warten darauf, dass ein Wirt vorbeikommt und sie abstreift. Was man in den letzten Jahren zunehmend beobachtet, sind invasive Zeckenarten, die ursprünglich aus tropischen oder subtropischen Regionen stammen und vermutlich über Zugvögel nach Europa gelangen. Diese Arten zeigen teils ein anderes Verhalten und suchen aktiv nach einem Wirt. Noch ist das aber kein flächendeckendes Problem, in Österreich gibt es die bis jetzt nur vereinzelt.

Aber in Österreich ist nach wie vor der Wald die klassische Problemzone, oder?
Nein, keineswegs. Jede halbwegs naturbelassene Fläche kann Lebensraum für Zecken sein. Man findet sie auf Wiesen, in Auwäldern, in Gewässernähe und auf Flächen, die selten gemäht werden. Entscheidend ist, dass es passende Kleinwirte für Larven und Nymphen gibt, also etwa Mäuse oder andere Nagetiere. Ein geschniegelt kurzer Rasen ist kein typischer Zeckenlebensraum, aber überall dort, wo Natur sich etwas freier entwickeln kann, muss man mit ihnen rechnen. Für Jäger ist das Risiko aber sehr breit gestreut, weil die Jagd ja nicht ausschließlich im Wald stattfindet. Man ist auf Lichtungen unterwegs, auf Wiesen, an Waldrändern, in unterschiedlichsten Revierteilen. Zecken kommen in all diesen Bereichen vor.

Zeckenschutz im Revier: Jagdfakten.at informiert
Hund auf Waldlichtung
Zecken - gut geschützt im Revier: Jagdfakten.at im Gespräch mit Dr. Michael Leschnik
Zecke auf Haut
Hirschzecken auf Jeans - Jagdfakten.at informiert über Zecken
Zecken auf Jeans

Wird das Zeckenrisiko Ihrer Ansicht nach noch immer ein wenig unterschätzt?

Teilweise schon. Zwar wird heute deutlich mehr darüber gesprochen als früher, aber viele Menschen unterschätzen nach wie vor, wie allgegenwärtig Zecken sind und dass sie ernstzunehmende Krankheitserreger übertragen können. In Österreich und Mitteleuropa stehen vor allem Borreliose und FSME im Vordergrund. Beide Krankheitsbilder sind seit Langem gut beschrieben. Die Symptome können sehr unterschiedlich ausfallen, das Spektrum ist also breit. Wichtig ist dabei: Nicht jede Zecke trägt Erreger in sich, nicht jede infizierte Zecke überträgt sie tatsächlich, und längst nicht jeder Mensch erkrankt nach einem Stich.

Kann man vor einem Jagdtag konkrete Präventionsmaßnahmen setzen?
Ja, aber mit Einschränkungen. Beim Hund haben wir deutlich wirksamere Möglichkeiten als beim Menschen. Das liegt schlicht daran, dass man beim Hund Medikamente, Halsbänder, Tabletten oder inzwischen auch andere Applikationsformen einsetzen kann, die sehr effektiv sind. Beim Menschen ist man viel begrenzter.

Wie gut lässt sich ein Hund schützen?
Wenn man bereit ist, konsequent prophylaktisch zu arbeiten, kann man einen Hund sehr gut schützen. Ich würde sagen, bis zu etwa 95 Prozent. Das ist ein hoher Wert. Voraussetzung ist natürlich, dass das gewählte Mittel wirkt und vom Tier gut vertragen wird.

Was empfehlen Sie konkret?
Ich empfehle kein bestimmtes Präparat und auch nicht eine einzelne Applikationsform. Entscheidend ist, dass das Mittel wirksam ist und vom Hund vertragen wird. Es gibt Halsbänder, Tabletten, Spot-on-Lösungen und Injektionen. Wichtig ist: Man sollte sich auf wissenschaftlich belegte Präparate verlassen.

Also Finger weg von natürlichen oder „biologischen“ Mitteln?
Da muss man ehrlich sein: Die landläufigen Allheilmittel reichen in der Realität nicht aus. Rosenquarzanhänger, Knoblauchkapseln oder irgendwelche Öle mögen im Einzelfall von jemandem als hilfreich empfunden werden, aber sie setzen sich in der Praxis nicht durch, weil ihre Wirkung nicht verlässlich genug ist. Manches davon ist für den Hund unangenehmer als für die Zecke. Wenn man wirksam vorbeugen will, bleibt man bei erprobten Medikamenten vom Tierarzt.

Welche drei Maßnahmen würden Sie Mensch und Tier besonders ans Herz legen, um das Zeckenrisiko möglichst gering zu halten?

  • Beim Hund ist die wichtigste Maßnahme eine konsequente Zeckenprophylaxe mit wirksamen Präparaten.
  • Beim Menschen ist der Schutz schwieriger, deshalb spielt die FSME-Impfung eine große Rolle — ich selbst bin geimpft und lasse die Auffrischungen weiterhin machen. Dazu kommt vernünftige Kleidung: also nicht in Sandalen und kurzer Hose durchs Revier oder durch hohes Gras. Je mehr Kleidung die Haut bedeckt, desto besser.
  • Und schließlich sollte man sich selbst, Kinder und auch Hunde nach Aufenthalten im Freien kontrollieren, auch wenn das allein nicht genügt.

Achten Jäger und Hundehalter heute stärker auf Zeckenschutz als früher?

Ja, das würde ich schon sagen. Das Thema ist viel präsenter. In der Tiermedizin ist es ohnedies ein Alltagsgeschäft, Menschen zu beraten, Risiken einzuschätzen und Hunde oder auch Katzen entsprechend zu schützen. Und auch bei Jägern sehe ich in der Praxis viel Vernunft und Pragmatismus. Gerade der professionelle Jäger, der mit seinem Hund im Revier arbeitet, hat naturgemäß ein großes Interesse daran, dass sein Hund gesund und einsatzfähig bleibt.

Empfiehlt es sich, den Hund nach jedem Jagdgang zu kontrollieren?
Ja, das ist auf jeden Fall sinnvoll. Aber man darf nicht glauben, dass das allein ausreicht. Genau das ist wissenschaftlich belegt: Als einzige Maßnahme genügt das Absuchen nicht. Man übersieht Zecken einfach — vor allem Larven und Nymphen, die extrem klein sind. Dazu kommt, dass man beim Hund nicht jede Körperstelle perfekt kontrollieren kann. Kontrollieren ist also gut, aber eben nur ein Baustein.

Wie entfernt man eine Zecke richtig?
Am besten mit einer geeigneten Pinzette oder Zeckenzange. Wichtig ist, möglichst hautnah anzusetzen und dann langsam und gleichmäßig zu ziehen, bis die Zecke herauskommt. Nicht ruckartig, nicht quetschen, nicht zerreißen. Am Ende des Tages sind wir stärker als die Zecke – wenn man ruhig und gleichmäßig arbeitet, bekommt man sie in der Regel gut heraus.

Was sollte man dabei nicht tun?
Kein Öl, keine Hausmittel, nichts auf die Zecke draufgeben – das nützt nichts. Weder die Widerhaken noch dieser „Zeckenzement“ lösen sich dadurch. Im Gegenteil, es wird eher schwieriger. Und wenn man die Zecke stresst, kann es sein, dass sie noch mehr Speichel abgibt. Deshalb: kein Herumdoktern, sondern rasch und sauber entfernen.

  • Ab wann wird ein Zeckenstich medizinisch relevant?

    Beim Menschen ist das relativ klar. Bei Borreliose kann sich nach einiger Zeit rund um die Stichstelle ein roter Fleck bilden, der größer wird. Das ist ein klares Signal, dass man zum Hausarzt gehen sollte. Allerdings muss man dazu sagen: Diese sogenannte Wanderröte sieht man nicht immer, und an manchen Körperstellen fällt sie auch gar nicht auf.

Und wenn keine Wanderröte auftritt?
Auch dann kann eine Erkrankung vorliegen. Bei Borreliose gibt es Spätformen mit Gelenkentzündungen, Schmerzen oder neurologischen Symptomen. Wichtig ist deshalb, dem Arzt zu sagen, dass man regelmäßig in der Natur ist und bereits Zecken hatte. Dann denkt er diagnostisch eher in diese Richtung.

Wie äußert sich FSME beim Menschen?
Anfangs oft mit eher grippeähnlichen Symptomen: Fieber, Kopfschmerzen, allgemeines Krankheitsgefühl. Später können neurologische Symptome dazukommen. Spätestens dann ist natürlich ärztliche Abklärung nötig.

Und beim Hund?
FSME gibt es auch beim Hund, mit ähnlichen Symptomen. Borreliose wird beim Hund zwar immer wieder beschrieben, spielt aber in der Praxis eine deutlich geringere Rolle. Eine Wanderröte wie beim Menschen sieht man beim Hund nicht — schon allein deshalb, weil sie im Fell kaum erkennbar wäre.

Was also tun, wenn ein Hund nach einem Zeckenstich auffällig wird?
Dann sollte man jedenfalls zum Tierarzt. Wenn ein Hund Symptome zeigt, muss die Diagnose fachlich gestellt werden. Da sollte man nicht abwarten oder herumprobieren.

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Bildquellen für diesen Beitrag: Dr. Michael Leschnik, Unsplash

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