
Winterliche Jagdmythen:
Die Kombination Wild und Schnee hat viele Mythen hervorgebracht, die den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht standhalten.
In diesem Beitrag widerlegen wir die hartnäckigsten unter ihnen.
WILD IM SCHNEE MYTHEN
Was stimmt wirklich?
Geht es um Winter, Wild und Wald, tauchen unweigerlich zwei weitere Begriffe auf: Mythen und Missverständnisse.
Das ist umso erstaunlicher, da die Wissenschaft dieses Themengebiet bereits gründlich durchdrungen hat. Doch komplexe ökologische Zusammenhänge gelangen nun einmal weniger schnell ins kollektive Bewusstsein als traditionelle Glaubenssätze, die es über Jahrhunderte leicht hatten, eingängige Annahmen als etwas Logisches darzustellen. Die vielen Mythen, die sich rund um Wild im Schnee halten, beruhen also oft auf Einzelbeobachtungen, Vermutungen und daraus entstandenen Traditionen. Deswegen klären wir hier über die fünf hartnäckigsten Wintermythen rund ums Wild auf – und verlassen uns dabei wie immer auf die Wissenschaft.
1. Mythos:
Wild leidet im Schnee
Fakt: Schnee und Kälte sind für Wildtiere zwar ganz schön herausfordernd, aber Wild ist evolutionär sehr, sehr effizient an den Winter angepasst.
Viele Arten bauen im Herbst instinktiv Fettreserven auf, wechseln in ein dichteres Winterfell oder -gefieder und reduzieren Stoffwechsel und Aktivität, um Energie zu sparen. Rehe, Hirsche, Gämsen und andere Schalenwildarten senken ihre Herzfrequenz und ihren Bewegungsradius im Winter deutlich, um die knappen Ressourcen effizient zu nutzen. Schnee bedeutet nicht automatisch Stress, eher im Gegenteil: Wild befindet sich in einer Art geruhsamen Energiesparmodus. Stressig wird es jedoch, wenn die Tiere unerwartet hochgeschreckt werden – etwa durch einen plötzlich abfahrenden Tourenskifahrer.
2. Mythos:
Tiefer Schnee macht Wild bewegungsunfähig
Fakt: Schnee kann die Fortbewegung von Wild beeinflussen, aber nicht unbedingt lähmen.
Eine Studie an GPS-gekennzeichneten Elchen aus Finnland hat gezeigt, dass sich die Bewegungsrate der Tiere mit zunehmender Schneetiefe zwar deutlich reduziert, dieser Effekt aber nicht linear fortschreitet: Die Bewegungsdistanz sinkt stark bis etwa 30–40 cm Schnee, danach aber kaum noch weiter. Das bedeutet, dass Tiere nicht „bewegungsunfähig“ werden, sondern ihre Aktivität strategisch anpassen, um Energie zu sparen. Das heimische Rotwild würde im Winter sogar gerne weiter gehen, als es möglich ist: Von Natur aus sucht es im Winter niedrigere Lagen oder südliche Hänge auf. Weil unsere moderne Kulturlandschaft aber von Straßen und Siedlungen durchzogen ist, ist das oft nicht mehr möglich. Einen Ausgleich kann die Winterfütterung schaffen – siehe Mythos 4.!
3. Mythos
Wild frisst im Winter nur spärlich und hungert ständig
Fakt: Wildtiere passen ihren Stoffwechsel und ihr Verhalten im Winter so an, dass sie mit der vorhandenen Nahrung auskommen.
Rehe, Hirsche oder Gämsen suchen gezielt energiereiche Pflanzenteile wie Knospen, Rinde oder Nadeltriebe. Sie fressen also nicht weniger, sondern effizienter und selektiver, um Energie zu sparen und ohne dauerhaft zu hungern. Außerdem nutzen Hirsche und Rehe nicht selten ihre Hufe zum Graben, um an unter der Schneedecke verborgene Nahrung zu gelangen. Das ist eine anspruchsvolle und energieintensive Tätigkeit, die aber zeigt, dass Wild im Schnee unter ernährungstechnischen Gesichtspunkten keineswegs hilflos ist.
4. Mythos
Winterfütterung ist nicht notwendig, weil Wild so gut an den Winter angepasst ist
Fakt: Ja, natürlich sind Wildtiere durch ihren Stoffwechsel und ihr Verhalten gut an winterliche Bedingungen angepasst.
Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die aktive Winterfütterung falsch oder gar verwerflich ist. Viele Menschen glauben, Wildtiere bräuchten keine Winterfütterung und Jäger würden nur hohe Bestände für Trophäen fördern. Fachlich ist das jedoch nicht korrekt, wie auch Dr. Miroslav Vodnansky vom Mitteleuropäischen Institut für Wildtierökologie in diesem >> Beitrag zur Winterfütterung verdeutlicht hat: Denn Wild könnte nur dann ohne Fütterung überleben, wenn es eine freie Wahl der Überwinterungsstandorte und unbeschränkten Zugang zu Nahrung hätte. In der intensiv genutzten Kulturlandschaft ist das aber nur selten im „natürlichen“ Ausmaß möglich. Besonders beim Rotwild können klimatisch günstigere Täler und Flusslandschaften im Winter nicht genutzt werden, weil sie besiedelt oder schadensanfällig sind. Daher wird Fütterung gezielt eingesetzt, um das Wild in weniger heiklen Gebieten zu halten.
Aufklärung durch Jägerschaft und Wissenschaft
Fest steht: Vor allem schneereiche Winter sind für unser heimisches Wild eine komplexere Angelegenheit, als viele Jagdmythen vermuten lassen.
Schnee und Frost sind keine automatischen Nachteile, sondern Teil eines natürlichen Jahresrhythmus, auf den Wildtiere evolutionär spezialisiert sind. Die Forschung belegt: Wild übersteht durch veränderte Bewegungsmuster, Habitatwahl und physiologische Anpassungen auch harte Winter und ist dabei weder pathologisch geschwächt, noch wird es dadurch zu leichterer Beute.
Und doch: Das Thema rund um die Winterfütterung zeigt, dass die natürlichen Ursprungsprozesse ihre Grenzen haben. Schließlich bewohnt das Wild keinen unberührten Planeten, sondern von Menschen gemachte – und begrenzte! – Kulturlandschaften, die es nicht immer mit ausreichend Nahrung versorgen können. Die Symbiose zwischen jagdlicher Praxis und wissenschaftlichen Untersuchungen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten jedenfalls als wertvoller Zugang erwiesen, etablierte Annahmen zu hinterfragen – und sachlich auf die Bedürfnisse von Wild und Wald im Winter einzugehen.
UNSERE
LESE-EMPFEHLUNG
Winter im Wald – was passiert unter dem Schnee
Studie zur Bewegungsfähigkeit von Wild im Schnee
Bildquellen für diesen Beitrag: © Pexels | © Pixabay | © Canva by Jagdfakten.at
Autor für diesen Beitrag: L. Palm / Jagdfakten.at
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