
Eine kleine Hörschule
Von Dezember bis Februar wird der Wald akustisch „durchsichtiger“:
Es gibt weniger Blätter, weniger Insekten, dafür oft eine harte oder knirschende Schneedecke. Wie die Fährten im Schnee wird in diesen Monaten auch Klang zur Zeichensprache: Man hört nicht nur, dass sich etwas bewegt, sondern oft auch wie es das tut und was es ist. Dass Tierspuren im Schnee wie eine stille Signatur wirken, ist allgemein bekannt. Aber ebenso lässt sich im Winter auch das Hören verstehen. Wir haben die Beispiele:
GERÄUSCHE der WILDTIERE
im Winter
Reh
Rehe bewegen sich im Winter meist in einem leichten, zweischlägigen Trittrhythmus – ein leiser, beinahe vorsichtiger „Doppeltakt“. Im knirschenden Schnee klingt das nicht nach schwerem Stapfen, sondern eher nach einem sanften, kurzen „tsch-tsch“, weil die kleinen schmalen Schalen nur wenig Schnee verdrängen. Typisch ist außerdem, dass Rehwild bei einer Störung oft zunächst „einfriert“, also stehen bleibt, bevor es abspringt; akustisch nehmen Sie dann mitunter nur den ersten, angetippten Schritt wahr – und danach wieder Stille.
Dazu kommt das charakteristische Schrecken der Rehe: Deutlich häufiger kommt es zur Brunftzeit im Juli und August vor, aber auch im Winter ist es zu hören, wenn die Tiere auf Unruhe reagieren. Wer im Winterwald aufmerksam lauscht, kann diese kurzen, heiseren Warnlaute als zusätzliche akustische Signatur des Rehwildes erkennen.
Hirsch
Beim Rotwild ist der Fußfall tiefer und „erdiger“. Schon ein einzelner Hirsch bringt deutlich mehr Masse auf den Boden, und das hört man als schweren, dumpferen Trittschall – im gefrorenen Boden wie ein trockenes „tock … tock …“. In Rudeln wird daraus kein klarer Takt mehr, sondern ein unregelmäßiges, „wolkiges“ Geräuschfeld: Mal setzt ein Stück kurz aus, mal zieht ein anderes nach, und man hat dieses diffuse Wandern von Schall im Unterholz.
Charakteristisch ist, dass nach dem Vorüberziehen oft noch ein kurzes Schaben oder Reiben hörbar wird, wenn die Tiere an Rinde oder Boden äsen – Geräusche, die im Winter wegen der allgemeinen Ruhe besonders auffallen. Dass Rotwild im Winter stark aufs Energiesparen und ruhiges Rudelverhalten setzt, ist gut dokumentiert und erklärt, warum man es häufig zuerst hört, bevor man es sieht.
Schwarzwild
Schwarzwild kann im Laub fast „unsichtbar“ sein, weil die weichen Böden und das wühlende Vorankommen Geräusche schlucken. Im Schnee dreht sich das Bild: Plötzlich wird jede Bewegung deutlich, weil die Schalen und das Gewicht in die harte, kalte Oberfläche greifen. Typisch ist weniger ein Lauftakt als ein Arbeitsgeräusch: Schieben, Scharren, Wühlen – dazu das ständige Grunzen, Quieken, Schnaufen oder Schmatzen innerhalb der Rotte. Diese Lautpalette gilt als zentrales Kommunikationsmittel bei Wildschweinen.
Im Winterwald wirken Sauen akustisch oft „mechanischer“ als im Herbst, weil der Boden hart ist und jede kurze Drehung oder jeder Stoß in gefrorenem Untergrund ein trockenes Kratzen erzeugt – als würde jemand mit einer Schaufel im Schnee arbeiten.
Fuchs und anderes Raubwild
Beim Fuchs ist es das Gegenteil von Schwergewicht: Der Lauf wirkt federnd, gleichmäßig, fast katzenhaft. Füchse verfügen zwar über ein großes Repertoire an Lautäußerungen – Bellen, Keckern, Klagen, Schreien – aber beim Pirschen im Winter sind es vor allem die Schritte, die verraten, was passiert.
Ein starkes Indiz ist das plötzliche Anhalten zum Lauschen: Dann hört man im Grunde „das Nichts“ – diese absolute Stille – und manchmal erst danach eine kleine, punktuelle Bewegung, etwa ein vorsichtiges Umsetzen der Pfote. Gerade dieser Wechsel aus Rhythmus und Pause ist bei Raubwild akustisch sehr typisch.
Niederwild: Fasan
Beim Fasan ist es umgekehrt spektakulär. Sein Auffliegen ist im stillen Winterwald ein regelrechter Schockeffekt: ein lauter Flügelstart, den viele als „Krachen“ oder explosionsartigen Flügelschlag beschreiben – oft begleitet von einem Warnruf, dem sogenannten Schrecken oder Schimpfen.
Tipps für Jägerinnen und Spaziergänger
Je kälter und stiller es draußen ist im Winter, desto präziser wird Ihr Gehör zum Jagdinstrument. Achten Sie nicht nur auf den Laut, sondern vor allem auf vier Dinge: Rhythmus, Gewicht, Untergrund und Pausen:
- Ein regelmäßiger, leichter Doppeltakt im Knirschschnee spricht fast immer für Rehwild,
- ein tiefer, „satter“ Fußfall mit diffusem Geräuschfeld deutet auf Rotwild im Rudel,
- wenn Sie statt Trittfolgen eher „Arbeitslärm“ hören – Scharren, Schieben, kurzes Grunzen – sind Sie beim Schwarzwild,
- und wo der Klang plötzlich abreißt, weil ein Tier zum Lauschen einfriert, ist häufig Raubwild unterwegs.
Der Schnee macht den Unterschied
Bedenken Sie zudem den Schnee selbst:
- Pulverschnee dämpft (Geräusche sind näher, als sie klingen),
- Harsch- und Knirsch-Schnee tragen weit (Sie hören Stücke oft 50 bis 100 Meter früher).
So wird aus jedem „tsch-tsch“, „tock-tock“ oder „pff-pff“ ein Hinweis auf Art, Verhalten und manchmal sogar Stimmung – eine kleine Winterlektüre, die Sie mit jedem Waldspaziergang besser lesen lernen. Doch: Halten Sie sich bei Winterspaziergänge unbedingt an die ausgeschilderten Wege! Das schützt nicht nur Sie, sondern auch das Wild, das in dieser kalten Jahreszeit dringend Ruhe braucht, um seinen Energiehaushalt zu schonen.
UNSERE
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Bildquellen für diesen Beitrag: © Unsplash
Autor für diesen Beitrag: U. Macher / Jagdfakten.at
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