Der Wald als Wasserspeicher - Jagdfakten.at informiert

Schnee ist mehr als Winterromantik: Er ist unser wichtigster Wasserspeicher.

Denn was zwischen Oktober und März fällt und langsam schmilzt, füllt Böden, Quellen und Grundwasser auf. DI Dr. Gerhard Markart, Abteilungsleiter für Wildbach-Prozesse und Hydrologie am Institut für Naturgefahren am Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) in Innsbruck, erklärt, warum ein schneereicher Winter die beste Versicherung für unser Trinkwasser im Sommer ist.

Der WALD als WASSERSPEICHER

Warum der Winter über unser Trinkwasser entscheidet

Wer verstehen will, warum Trinkwasser im Sommer knapp werden kann, muss deshalb zuerst auf die Monate zwischen Oktober und März schauen. Dort wird – oft unbemerkt – die Grundlage für die Wasserversorgung des ganzen Jahres gelegt. „Rund 40 Prozent des Jahresniederschlags fallen im Winterhalbjahr“, erklärt Gerhard Markart vom Bundesforschungszentrum für Wald (BFW). Österreich bekommt im Schnitt etwa 1.100 Millimeter Niederschlag pro Jahr – in den Nord- und Südalpen deutlich mehr. Doch entscheidend ist nicht nur die Menge, sondern die Art, wie das Wasser im System bleibt. Und hier spielt der Winter seine größte Stärke aus.

Warum der Winter für den
Wasserspeicher so wertvoll ist

Im Winter „arbeitet“ der Wald anders. Laubbäume haben kein Blattwerk, sie verdunsten kaum Wasser. Auch Nadelbäume fahren ihren Wasserverbrauch deutlich zurück. Das bedeutet: Niederschlag, der jetzt fällt, wird nicht sofort wieder in die Atmosphäre „zurückgeschickt“, sondern kann wesentlich besser gespeichert werden – im Boden, im Untergrund und später auch im Grundwasser.

Während in der Vegetationszeit ein großer Teil des Niederschlags durch Verdunstung und Wasserverbrauch der Pflanzen wieder verloren geht, sind die Bedingungen im Winter ideal: geringe Verdunstung, niedriger Wasserbedarf der Pflanzen, mehr Zeit zur Versickerung. Kurz gesagt: Der Winter ist die Saison, in der Wasser am besten in den natürlichen Speicher gelangt.

Schnee: der langsame Tresor für Wasser

 

Die wichtigste Rolle spielt dabei die Schneedecke: Schnee wirkt wie ein Zwischenspeicher, der Wasser nicht schlagartig freigibt, sondern kontrolliert. Markart beschreibt Schneeschmelze als „langsamen, längeren Prozess“. Dadurch kann das Wasser in Ruhe in den Boden eindringen und den Bodenspeicher auffüllen. Ein Teil versickert tiefer in das geologische Substrat und tritt später als Quellwasser wieder zutage – eine Reserve, die auch Trockenphasen abfedern kann.

Gerade ein Winter mit ausreichend Schnee ist daher keine Nebensache. Er ist so etwas wie eine Versicherung, dass Böden und Quellen mit Reserven in das Frühjahr starten.

Wenn der Boden gefroren ist, kann viel Wasser „verloren gehen“

Ein oft unterschätzter Winterfaktor ist Bodenfrost. Ist der Oberboden stark gefroren, kann Schmelz- oder Regenwasser nicht wie üblich einsickern, sondern läuft oberflächlich ab – ähnlich wie bei Starkregen. Besonders kritisch wird das, wenn im Winter Regen auf eine bestehende Schneedecke fällt: Dann wird innerhalb kurzer Zeit sehr viel Wasser frei, das nicht mehr langsam einsickert, sondern rasch abfließt. Hydrologisch gesehen ist das einer der Gründe, warum nicht jeder Niederschlagswinter automatisch ein „guter Speicherwinter“ ist: Entscheidend ist, ob die Schneeschmelze schrittweise passiert und ob der Boden aufnahmefähig bleibt.

Die Grafik zeigt die räumliche Verteilung der Schneehöhen (in cm) und Wasseräquivalente (in mm), Quelle: Markart G. 2000

Die Grafik zeigt die räumliche Verteilung der Schneehöhen (in cm) und Wasseräquivalente (in mm) auf der Versuchsfläche ZNF am 28. Februar 1992. Die grünen Dreiecke () kennzeichnen den Standort der koordinativ eingemessenen Bäume.

Quelle: Markart, G. (2000): Zum Wasserhaushalt von Hochlagenaufforstungen – am Beispiel der Aufforstung von Haggen bei St. Sigmund im Sellrain. FBVA-Bericht, Nr. 117. >> Link: Auszug von Bericht.

Warum Sommerregen oft weniger bringt, als man denkt

Viele Menschen glauben: Wenn es im Sommer stark regnet, ist das Problem gelöst. Doch genau hier liegt ein Missverständnis. Markart betont, dass ein großer Teil des Niederschlags in der warmen Jahreszeit rasch wieder verschwindet – vor allem wegen Verdunstung und Pflanzenverbrauch.

Dazu kommt: Bei intensiven Regenfällen kann ein Teil des Wassers – selbst wenn es versickert – über unterirdische Fließwege rasch wieder in Bäche und Flüsse gelangen, wobei es aber nicht unbedingt als Reserve im System bleibt. Starkregen kann spektakulär sein, ist aber für den langfristigen Speicher oft weniger wert als die stille, langsame Winteraufladung.

Die Graik zeigt die Verdunstung in Abhängikeit vom Niederschlagsangebot, Quelle: Mendel 2000

Der Waldboden – ein Schwamm mit mehreren Etagen

Dass Wälder Wasser halten können, hat vor allem mit dem Boden zu tun. Waldböden entstehen über Jahrhunderte und sind durch Humus, Wurzeln, feine Poren und organische Strukturen wie ein mehrschichtiger Schwamm aufgebaut. In diesen Schichten wird Wasser nicht nur als freie Flüssigkeit gespeichert, sondern auch gebunden – und damit länger verfügbar gehalten.

Dieses System funktioniert am besten, wenn das Wasser nicht als kurzer „Schwall“ kommt, sondern langsam einsickert. Genau das liefert der Winter: gleichmäßige Einträge, wenig Verdunstung durch Pflanzen und die Speicherwirkung von Schnee.

Warum ein Winter ohne Schnee zum Risiko werden kann

Der Winter ist also die Phase, in der sich entscheidet, ob wir später Reserven haben oder nicht. Wenn im Winter weniger Schnee fällt oder Niederschläge häufiger als Regen statt als Schnee auftreten, fehlt dieser natürliche Zeitlupenspeicher. Regen kann zwar ebenfalls versickern, aber er fließt – je nach Bedingungen – oft schneller ab und liefert nicht die gleiche langfristige Reserve wie eine stabile Schneedecke.

Markart bezieht sich in diesem Zusammenhang auch auf die aktuelle Forschung: Fachinformationen der Schweizer Forschungsanstalt WSL zeigen, wie eng Verdunstung, Bodenwasserspeicher und Trockenstress zusammenhängen. Steigen die Temperaturen und treten längere Perioden ohne Niederschläge auf, erhöht sich der Stress für Bäume deutlich – bis hin zu hydraulischen Schäden.

Was ein schneereicher Winter jetzt bedeutet

Wenn – wie aktuell im Jänner 2026 – genügend Schnee liegt, ist das aus hydrologischer Sicht eine gute Nachricht: Der Wald und die Böden haben die Chance, ihre Speicher zu füllen. Damit steigen die Chancen, dass Quellen stabil bleiben – und dass Trinkwasser auch in Hitzeperioden besser verfügbar ist.

„Der Winter entscheidet also nicht nur über Skitouren und Lawinenlage. Er entscheidet auch darüber, wie lange Wasser im System bleibt – ob es als Reserve in Böden und Quellen verfügbar ist oder rasch abfließt.“

Warum man die Wirkung des Winters oft erst Monate später sieht
Viele Menschen erwarten, dass sich Niederschläge sofort in Quellen oder Grundwasserständen zeigen. In Wirklichkeit wirkt der Winter oft zeitverzögert:

  • Ein Teil des Schmelzwassers füllt zuerst den Bodenspeicher, dann sickert es weiter nach unten in geologische Schichten und gelangt erst später – manchmal Wochen, Monate oder Jahre danach – in Quellen und Brunnen. Genau deshalb kann ein schneearmer Winter erst im Sommer „spürbar“ werden, wenn die Reserven fehlen.

  • Umgekehrt kann ein schneereicher Winter auch dann noch positiv wirken, wenn es im Frühjahr bereits trocken wird: Das Wasser ist dann im System „unterwegs“ – und kommt verzögert nach.

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LESE-EMPFEHLUNG

Bildquellen für diesen Beitrag: © Unsplash | © Pixabay
Grafiken: © Markart, 2000 | © Mendel, 2000
Autor für diesen Beitrag: U. Macher / Jagdfakten.at

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