
Wie das Steinwild in die Hohen Tauern zurückkehrte
Rund 1.100 Stück Steinwild leben heute im Gebiet rund um den Großglockner, in den Hohen Tauern von Kärnten, Osttirol und Salzburg. Dabei wurde der Steinbock in Österreich ausgerottet, sein Bestand im Alpenbogen nach Norditalien zurückgedrängt. In Österreich erfolgte die erste Aussetzung im Jahr 1924, weitere folgten, so auch in den Hohen Tauern. Wie gelang die Wiederansiedelung des heimischen Wildtiers? Und: Was hat die Jagd damit zu tun?
STEINBOCK
wieder angesiedelt

Markus Lackner by Hannes Wallner
Markus Lackner beschäftigt sich in mehreren Funktionen mit dem Steinwild: Er ist Geschäftsführer der Steinwildhegegemeinschaft Großglockner, Nationalpark-Wildhüter und Steinwildreferent der Kärntner Jägerschaft. Seit Jahrzehnten beobachtet und sichert er den Erfolg der Wiederansiedelung. Im Nationalparkzentrum im Kärntner Mölltal rekonstruiert er, was sich am Fuße des Großglockners seit dem Beginn der Wiederansiedelung im Jahr 1960 ereignet hat. Dabei stellt er gleich zu Beginn klar:
„Was ganz wichtig ist: Nicht der Nationalpark hat den Steinbock wieder angesiedelt. Es war Hans Pichler, der die Initiative ergriffen und es gemeinsam mit der Kärntner Jägerschaft umgesetzt hat. Aber der Nationalpark sieht es als eine wichtige Aufgabe die Steinwildpopulation mit allen damit verbundenen Herausforderungen zukünftig zu erhalten.“
Die Rückkehr des Alpenkönigs
Hans Pichler war Pächter der Gemeindejagd in Heiligenblut und hatte in den 50er Jahren einen Traum: den Steinbock zurück in die Hohen Tauern zu bringen. Denn dort war er lange heimisch gewesen, bevor sein Bestand, wegen der ihm nachgesagten Heilkräfte, zurückgedrängt wurde, bis die letzten Hundert Stück der Population im Nationalpark Gran Paradiso unter Schutz gestellt wurden.
Die Wiederansiedelung in einem einst beheimateten Gebiet gelang zunächst in der Schweiz. 1911 wurden bei unseren Nachbarn die ersten Steinböcke aus Gran Paradiso ausgesetzt. Aus diesem wachsenden Bestand sollten auch jene Steinwildstücke kommen, die ab 1960 rund um den Großglockner ausgewildert wurden. Federführend für das Wiederansiedelungsprojekt war – wie gesagt – Hans Pichler, der in dem damaligen Landesjägermeister von Kärnten, Dr. Werner Knaus, auch gleich einen Verbündeten für seine Vision fand.
Bis Mitte der 60er Jahre wurden 17 Stück freigelassen, die Hälfte davon Geißen. Der Bestand ist heute stabil, wird laufend überwacht und wissenschaftlich begleitet. „Das Steinwild ist sicher eine der bestdokumentierten Wildarten bei uns“, sagt Lackner. Jährlich wird länderübergreifend gezählt, die Steinwildreviere sind in einer Hegegemeinschaft organisiert und drei Steinwildhüter haben den Bestand im Blick. Seit Januar 2024 hat die Kärntner Jägerschaft auch ein eigenes Steinwildreferat, dem Lackner vorsteht. „Die Landesjägermeister waren immer Unterstützer des Steinwildes“, sagt er.
Wiederangesiedelt, um zu bleiben
Leicht hat es der Steinbock immer noch nicht. Mehrere Räudewellen haben die Bestandszahlen stark einbrechen lassen. Der Lebensraum des Steinwildes ist rau, die Hälfte der Jungtiere schafft es nicht über den ersten Winter. Steigende Temperaturen setzen ihm zusätzlich zu: Wenn das Frühjahr den Steinbock noch im Winterfell erreicht, dann gerät sein Energiehaushalt unter Druck.
Auch deshalb stellt sich der Nationalpark Hohe Tauern, der sich ebenfalls des Steinwildes angenommen hat, stets Forschungsfragen rund um die Tiere: Welches Raumnutzungsverhalten weisen sie auf? Was begünstigt Ausbruch und Ausbreitung der Räudemilbe? Welchen Einfluss hat das Habitat auf das jeweilige Hornwachstum? In jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit dem FIWI (Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie) werden ebenso laufend Organproben entnommen.
Genetisch gesehen
Auch die Genetik der Population müssen Lackner und seine Mitstreiter beobachten. Schließlich stammt der gesamte Bestand von den 17 ausgewilderten Stücken aus der Schweiz ab. Eine erfolgreiche Blutauffrischung muss aber gut geplant sein:
„Ich hätte bereits zwei Böcke aus Italien aussetzen können, doch das wäre nicht zielführend gewesen,“ erzählt Lackner. „Um erfolgreich aufzufrischen, müssten zehn Prozent des Bestandes aufgefrischt werden, davon zwei Drittel Geisen. Das heißt bei 1100 Stück, dass wir 110 Stücke aussetzen müssten.“ Gemeinsam mit den Nationalparks in der Schweiz und in Italien forscht der Nationalpark Hohe Tauern hier intensiv.
Jägerschaft ist
für den Steinbock
Eines ist gewiss: Ohne den Einsatz der Jägerschaft, sowohl der örtlichen Jägerinnen und Jäger als auch der Landesjägerschaft, wäre der Erhalt des Steinwildes nicht denkbar. Die Hege und Forschung erfordern Einsatz, denn das Steinwild lebt an unzugänglichen Orten. Auch die regulierenden Eingriffe sind notwendig, damit der Bestand nicht zu rasant ansteigt und gesund bleibt.
Die Wiederansiedelung des Steinwildes gilt als beispielhaft für erfolgreiche Artenschutzprojekte in den Alpen. Der Steinbock ist heute wieder ein fester Bestandteil des alpinen Ökosystems im Nationalpark Hohe Tauern.
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Bildquellen für diesen Beitrag: © Markus Lackner | © Hannes Wallner
Autor für diesen Beitrag: J. Egger / Jagdfakten.at
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